Geschichte der Zeitschrift

Petrus Canisius (1521-1597), der erste deutsche Jesuit, sagte einmal, in Deutschland sei ein Schriftsteller mehr wert als zehn Professoren. Auch wenn man diese Rechnung in Rücksichtnahme auf Professoren nicht in mathematischer Genauigkeit verstehen sollte, macht sie doch deutlich, daß der Schriftstellerei im Jesuitenorden seit seinen Anfängen ein hohes Gewicht beigemessen wird. Mit den Büchern und Publikationen aller Jesuiten könnte man sicher eine stattliche Bibliothek füllen. Annähernd 12 Meter Bücherregal sind dabei für die inzwischen 228 Bände der Monatszeitschrift "Stimmen der Zeit" vorzusehen (Stand 2010), die 1871 - damals noch unter dem Namen "Stimmen aus Maria Laach" - gegründet wurde.


Als älteste Kulturzeitschrift Deutschlands spiegeln die "Stimmen der Zeit" selber ein Kapitel Kirchen- und Zeitgeschichte. Mit der Verbannung des Ordens aus Deutschland durch Bismarcks Jesuitengesetz von 1872 mußte sich die Redaktion schon bald ins Exil nach Belgien, Luxemburg und Holland begeben. Seit 1914 ist die Redaktion in München angesiedelt. Den Nationalsozialisten war die Zeitschrift ein Dorn im Auge. Nach fortgesetzten Repressalien wurde das Redaktionsgebäude 1941 konfisziert und die Zeitschrift verboten. Zur Redaktion gehörte damals P. Alfred Delp, der am 2. Februar 1945 wegen seiner Mitarbeit im Kreisauer Kreis hingerichtet wurde. Im Oktober 1946 konnten die "Stimmen der Zeit" wieder erscheinen. Der erste Beitrag war eine bewegende Meditation über das Vater unser aus den Gefängnisschriften Alfred Delps.


In den 50er Jahren vollzog sich ein Neuaufbruch in der katholischen Theologie, der in den "Stimmen der Zeit" vor allem mit dem Namen P. Karl Rahners verbunden ist. Entschieden hat die Zeitschrift die Öffnung der Kirche gegenüber der modernen Welt durch das Zweite Vatikanische Konzil mitvollzogen und begleitet. Mit P. Wolfgang Seibel als Chefredakteur von 1966 bis 1998 gewannen die "Stimmen der Zeit" ein unverwechselbares Profil als eine Zeitschrift, die sich für einen offenen Dialog zwischen Kirche und Gesellschaft einsetzt. Wichtige Leitlinien sind dabei die Grundorientierungen des Jesuitenordens, wie sie von den letzten Generalkongregationen vorgegeben wurden: die Einsicht, daß Glaubensverkündigung in der heutigen Welt nicht ohne einen entschiedenen Einsatz für die Gerechtigkeit möglich ist, sowie die Herausforderungen des interreligiösen Dialogs und der Inkulturation der christlichen Botschaft. P. Martin Maier setzte diese Linie in den Jahren 1998 bis 2009 konsequent fort.


Neben kirchlichen und theologischen Themen suchen die „Stimmen der Zeit" die geistige Auseinandersetzung mit der Gesamtproblematik der Zeit in Gesellschaft, Politik, Naturwissenschaft, Literatur, Kino und Kunst. Dabei möchte die Zeitschrift helfen, in der Pluralität der Meinungen und weltanschaulichen Überzeugungen einen eigenen, differenzierten Standpunkt zu finden. So nehmen Jesuiten in den Editorials Stellung zu aktuellen Fragen. Doch nicht nur Jesuiten schreiben in den Stimmen der Zeit, sondern Autorinnen und Autoren der verschiedensten Fachrichtungen. Dabei erhält die Redaktion unaufgefordert sehr viel mehr Artikel zugeschickt, als veröffentlicht werden können. In den Redaktionssitzungen geht es vor allem darum, eine Auswahl unter den vorliegenden Artikeln zu treffen, aber auch gezielt Beiträge zu bestimmten Themen anzufordern. Hier wird auch entschieden, welche Bücher im Besprechungsteil rezensiert werden.


Wer sind die Leserinnen und Leser der "Stimmen der Zeit"? Im weitesten Sinn könnte man sagen: geistig aufgeschlossene Christen, die nach Orientierung in den zunehmend komplexer werdenden weltanschaulichen und ethischen Fragestellungen suchen. Da die Zeitschrift in vielen Bibliotheken und Instituten aufliegt, ist davon auszugehen, daß die Zahl der Leser die Auflage in Höhe von 5000 Exemplaren übersteigt. Ein wichtiger Multiplikatoreffekt stellt sich dann ein, wenn Beiträge in Nachrichtenagenturen oder großen Tageszeitungen aufgegriffen werden. In einigen Fällen wurden auf diesem Weg schon wichtige Diskussionen angestoßen.


Die "Stimmen der Zeit" wissen sich dem Anspruch des christlichen Glaubens und dem Dienst der Kirche verpflichtet. Doch dies schließt kritische Stellungnahmen auch gegenüber Positionen der offiziellen Kirche nicht aus. Bei den entsprechenden Stellen erzeugt das nicht immer Wohlgefallen. Doch viele Leserinnen und Leser schätzen die Zeitschrift gerade als ein Forum des freien Worts und des kritischen Denkens in der Kirche. Karl Rahner prägte in diesem Zusammenhang einmal das Stichwort von der "kritischen Loyalität".


Einmal im Jahr treffen sich die Chefredakteure von insgesamt 15 Jesuitenzeitschriften anderer Länder in Europa (Anoixtoi Orinzontes, Athen; Broteria, Lissabon; Choisir, Genf; Études, Paris; La Civiltà Cattolica, Rom; Obnovljeni Zivot, Zagreb; Przeglad Powszechny, Warschau; Razon y Fe, Madrid; Signum, Uppsala; Streven, Antwerpen; Studies, Dublin; A Sziv, Budapest; Thinking Faith, London; Viera a Zivot, Bratislava). Diese Treffen dienen zur gegenseitigen Information und zum Austausch untereinander.


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