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Martin Maier SJ

Wohin wächst China?



China befindet sich am Anfang des 21. Jahrhunderts in einem atemberaubenden Wachstumsprozeß. Augenfällig wird dies vor allem in den Großstädten. Die Hauptstadt Peking expandiert in konzentrischen Ringen, die durch vielspurige Ringstraßen begrenzt werden. Die eigentliche wirtschaftliche Boomstadt ist Shanghai. Hier sollen sich mehr Baukräne befinden, als in den USA insgesamt. Selbst den Taxifahrern fällt die Orientierung im sich ständig ausdehnenden Straßennetz schwer.


Hinter dem explodierenden Wirtschaftswachstum, das auch 2006 wieder über zehn Prozent lag, stehen die marktwirtschaftlichen Reformen, die seit 1978 unter Deng Xiaoping zuerst in der Landwirtschaft und dann in der Industrie eingeführt wurden. China ist nach den USA, Japan und Deutschland inzwischen die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt, seit 2004 die drittgrößte Handelsnation nach den USA und Deutschland. Der Handelsüberschuß im Jahr 2006 liegt über 200 Milliarden US-Dollar. Mit mehr als einer Billion US-Dollar verfügt China über die größten Devisenreserven der Welt.


Doch dieses beeindruckende Wachstum hat seine sozialen und ökologischen Schattenseiten. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. 1990 betrug der Einkommensunterschied zwischen den 20 Prozent der Bevölkerung mit dem höchsten und den 20 Prozent mit dem niedrigsten Einkommen etwa das Vierfache, 2006 das Dreizehnfache. Die 20 Prozent der Bevölkerung mit dem höchsten Einkommen verfügen über 80 Prozent des Gesamteinkommens. Dagegen müssen sich die ärmsten zehn Prozent gerade einmal mit 1,4 Prozent begnügen. Damit ist China heute weltweit eine der ungleichsten Gesellschaften.


Gravierend ist das Stadt-Land-Gefälle. Der Hunger scheint in China inzwischen zwar besiegt. Doch 340 Millionen Menschen auf dem Land haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Auch die Arbeitslosenzahlen auf dem Land liegen weit über dem Durchschnitt. Dies führt zu wachsenden sozialen Spannungen. Für 2005 wurde erstmals offiziell die Zahl von 87 000 "Störungen der öffentlichen Ordnung" genannt. Damit sind Protestaktionen, Demonstrationen und Sitzstreiks vor allem von Bauern gegen staatliche Behörden auf dem Land gemeint. Eine Konsequenz ist die steigende Landflucht. So rechnet man mit 150 Millionen Wanderarbeitern, die vor allem auf den Baustellen in den Städten meist sieben Tage die Woche zwölf Stunden am Tag arbeiten - für weniger als einen Euro die Stunde. Nur langsam wird das Problem HIV/Aids in China auch öffentlich anerkannt. Vermutungen zufolge hat es bereits gravierende Ausmaße in der Dimension einiger afrikanischer Länder.

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