Original-Beitrag als PDF bestellen

Andreas R. Batlogg SJ

Alfred Delp - Märtyrer und Prophet



losophen von katholischer Seite überhaupt. Er war aber auch ein temperamentvoller, impulsiver Mensch. Er konnte rechthaberisch auftreten. Das erregte ebenso Anstoß wie etwa sein exzessiver Zigarrenkonsum. Ordensintern galt er als "schwieriger Charakter" - ein "tragischer Held" also, wie der von ihm bewunderte englische Archäologe und Diplomat Thomas E. Lawrence? Spannungen mit seinem Provinzial Augustinus Rösch SJ reichten zurück in die frühen 30er Jahre. Karl Rahner SJ war zeitlebens stolz auf seine Freundschaft mit "Bullus" (Delps Spitzname).


Seit Juli 1939 bei den "Stimmen der Zeit" eingesetzt - die Nationalsozialisten hatten ihm die Immatrikulation an der Universität München verweigert -, betreute Delp bis zur Aufhebung der Zeitschrift im April 1941 das Ressort Soziologie. Als die Zeitschrift im Oktober 1946 wieder erscheinen konnte, stammte der erste Artikel aus seiner Feder: eine "Vater unser"-Meditation aus den Gefängnisschriften. Anläßlich des zehnten Todestages schrieb Franz von Tattenbach SJ: Viele, die Delp nur als Seelsorger kannten, hätten "mit bestem Wissen keinen Heiligen in ihm entdecken, schwerlich einen kommenden ahnen" können. In München-Bogenhausen wurde er als wortgewaltiger Prediger geschätzt; über Gestapospitzel machte er sich lustig. Die sechs Monate in Berlin 1944/45 markieren einen frappanten Persönlichkeitswandel: eine Reifung, die mitzuverfolgen unter die Haut geht. Isolationshaft, Folter, Hunger veränderten Delp. Es war eine erzwungene, keine selbstgewählte Wandlung - sie beeindruckt gerade auch junge Menschen.


Hingerichtet wurde Alfred Delp am 2. Februar 1945. Seine Asche wurde auf den Rieselfeldern Berlins verstreut, nichts sollte an ihn erinnern. Diese Rechnung ist nicht aufgegangen. Die Erinnerung an den Märtyrer Alfred Delp ist getragen von der Überzeugung, daß es lohnt, seine Art von Widerstand gegen ein totalitäres Regime präsent zu halten. Was er, ausgehend von den Sozialenzykliken "Rerum novarum" (1891) und "Quadragesimo anno" (1931), über eine neue Gesellschaftsordnung geschrieben hat, findet sich in den Grundanliegen später bei Gewerkschaften und Parteien wieder. Seine Vorstellungen von einer missionarischen und diakonischen Kirche (wie auch seine Kritik an der Kirche und ihren "Amtsstuben") oder über die Rolle der Orden für die Zukunft wirken geradezu modern - als seien sie im Umfeld der Würzburger Synode (1971/75) entstanden. Ohne Gott, so seine Überzeugung, kann man nicht richtig Mensch sein. Die heutige "Religionsfreudigkeit", die ohne Gott auskommt, hätte er hinterfragt: "Deutschland - Missionsland".


Durch eine Art der Erinnerung, die primär stilisiert und idealisiert, würde dieser "Kämpfer, Beter, Zeuge" begraben. Wozu verpflichtet sein Erbe? Verwalten, musealisieren läßt es sich nicht. Alfred Delp war gerade nicht "pflegeleicht", er war ein unbequemer, unangepaßter Jesuit - und auf diese Weise, auch für seinen eigenen Orden, eine prophetische Gestalt. Sein Leben auf Abruf in der Gefängniszelle wurde zum Vermächtnis für kommende Generationen. Obwohl die Quellen umfassend erschlossen sind, ist längst noch nicht ausgeschöpft, was sich von Alfred Delp lernen läßt.




Probeabo bestellen Newsletter bestellen

Unsere Beiträge über das wichtigste Ereignis der katholischen Kirche im 20. Jahrhundert. Mehr...