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Andreas R. Batlogg SJ

Die unvollkommenen Heiligen



Überraschte, teils verstörte, vereinzelt sogar empörte Reaktionen hat die im Umfeld ihres zehnten Todestags Anfang September erfolgte Veröffentlichung des Buchs "Komm, sei mein Licht" von Mutter Teresa (1910-1997) hervorgerufen. Die als "Engel von Kalkutta" bezeichnete, aus Albanien stammende Ordensgründerin der "Missionarinnen der Nächstenliebe" hatte jahrzehntelang in Indien unter den Ärmsten der Armen gelebt und war wenige Tage nach Lady Diana, Princess of Wales, verstorben, die mehrmals mit der kleinwüchsigen Schwester im weißen Sari mit blauem Band zusammengetroffen war. 1979 hatte Mutter Teresa den Friedensnobelpreis erhalten, 2003 wurde sie von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Für eine Heiligsprechung konnte das zweite kirchenrechtlich erforderliche Wunder noch nicht nachgewiesen werden.


Die jetzt auch auf Deutsch vorliegenden Briefe, Notizen und Dokumente - auf dem Schutzumschlag reißerisch beworben mit "Weltsensation" und "Die geheimen Aufzeichnungen der Heiligen von Kalkutta" - waren eigentlich nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Aus ihnen geht hervor, daß Mutter Teresa schwere seelische Krisen durchzustehen hatte, von Glaubenszweifeln geplagt wurde und jahrelang in einem Zustand "innerer Finsternis" lebte. Das irritierte da und dort - ganz so neu ist diese Information indes nicht. Bereits im Vorfeld ihrer Seligsprechung hatte der Postulator des Verfahrens, Brian Kolodiejchuk MC vom männlichen Zweig der "Missionaries of Charity", angedeutet, daß die schon zu Lebzeiten als Heilige Verehrte dramatische Phasen des Suchens und Ringens erlebt habe. Der inzwischen 99jährige, aus Österreich stammende Jesuit Josef Neuner, der seit 1938 in Indien lebt und jahrelang Mutter Teresas Berater gewesen war, hatte 2001 in dem Artikel "Mutter Teresas Charisma" in der Zeitschrift "Geist und Leben" ebenfalls auf diese verborgene - bis dahin auch ihren eigenen Mitschwestern unbekannte - Innenseite hingewiesen.


Mutter Teresa fühlte sich vielfach von Gott verlassen. Wenn sie ihren geistlichen Begleitern von einem "furchtbaren Gefühl der Verlorenheit", von "Dunkelheit", vom "Schmerz des Verlangens" oder - das Kennwort schlechthin - vom "Durst" schreibt, reiht sie sich mit diesen Erfahrungen ein unter Mystikerinnen und Mystiker, die ähnliche Erlebnisse kannten: Teresa von Ávila etwa oder Johannes vom Kreuz, der Kirchenlehrer christlicher Mystik, der von der "dunklen Nacht der Sinne und des Geistes" spricht, die freilich etwas anderes meint als das, was heute mit "Gottesferne" diagnostiziert wird. Kommentiert von Brian Kolodiejchuk, der in Tijuana/Mexiko das "Mother Teresa Center" leitet, wird der Leser Zeuge einer unter die Haut gehenden Chronik des spirituellen Wegs einer Frau, die bis heute Millionen fasziniert und von der sich die indische Nation mit einem Staatsbegräb-

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