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Hans Zirker

Warum ich nicht Muslim bin.

Über Identität, Differenz und Respekt

Der plakative Titel „Warum ich nicht Muslim bin“ ist zunächst mehrfach peinlich: selbstgefällig in seiner Präsentation, abschätzig in seiner Negation, trivial in seinem Gehalt. Grammatisch gibt er sich noch als Frage, doch rhetorisch läßt er nur Antworten erwarten. Hier scheint jemand über sich und diejenigen, von denen er sich absetzt, endgültig Bescheid zu wissen.


Die Tonlage verheißt nicht Klärung eines Sachverhalts, sondern Selbstbehauptung und Konfrontation, nicht Bedachtsamkeit, sondern Polemik. Das Sprachmuster ist auf dem Buchmarkt seit alters gängig, in formal und positionell mancherlei Variationen: „Warum ich nicht mehr katholisch bin“, „... man jetzt Atheist sein muß“, „... man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann“, „... ich kein Christ bin“, „... wir nicht wieder katholisch werden wollen“, „... ich nicht in die Kirche gehe“ usw.(1) - und in diesem Tenor schließlich auch: „Warum ich kein Muslim bin“(2). Da scheint für Verständigung kein Bedarf mehr, für weiteres Verständnis kein Raum. Die Verbindungen sind gekappt. Die Vorstellung, daß man vielleicht doch auch auf der anderen Seite stehen könnte, liegt fern, sollte wohl vernünftigen Menschen verwehrt sein.


In solcher Denkart entwertet sich das Muster freilich selbst. Gar zu einfach reduziert es die Komplikationen religiös-weltanschaulicher Pluralität. Es rückt nur eine Alternative in den Blick und hat über diese schon entschieden. Begründungsschwierigkeiten, mit denen religiöser Glaube und weltanschauliche Orientierungen ansonsten zu tun haben, scheint es hier von vornherein nicht zu geben. Es geht nicht mehr darum, sich seiner Position zu vergewissern, sondern sie zu propagieren.


Die Religionsgeschichte zeigt, welch große Rolle Abgrenzungsstrategien bei der Ausbildung gemeinschaftlicher Identität spielen. Offensichtlich sind sie in kulturellen Erfahrungs-, Lern- und Durchsetzungsprozessen unumgänglich, besonders ausgeprägt im Verhältnis von Christentum und Islam(3). Unübersehbar ist aber auch, welche katastrophalen Folgen, bis hin zu Religionskriegen, sich aus ihnen schon ergeben haben und wie langwierig und mühselig die Anstrengungen sein können, um die Gräben und Blockaden auch nur einigermaßen zu überwinden. Zwar bleiben die religiösen Kontrast-Profilierungen in unserer Gesellschaft hinter den Dimensionen und der Dramatik der fundamentalen geschichtlichen Auseinandersetzungen weit zurück, doch als soziale Belastung sind sie allseits spürbar

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