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Johannes Wallacher

Abschied vom Homo Oeconomicus?

Über die Rationalität unseres wirtschaftlichen Handelns

Institutionengefüge (Rechtssystem, Steuersystem, Sozialstaat) als fair eingeschätzt wird, fördert dies entsprechend auch regelkonformes Verhalten. Umgekehrt können institutionelle Rahmenbedingungen, die als unfair oder ungerecht wahrgenommen werden, die freiwillige Kooperationsbereitschaft untergraben. Das hat wesentliche Konsequenzen für die Politik, welche die Verhaltensreziprozität durch gezielte Maßnahmen nutzen und somit das Sozialkapital einer Gesellschaft fördern kann.


Für die Wirtschaftswissenschaft folgt daraus, daß sie vermutlich ihren Anspruch aufgeben muß, in ihrer Analyse allein auf ein für alle Probleme zuständiges Modellkonstrukt zurückzugreifen. Der Homo Oeconomicus wird sich daher daran gewöhnen müssen, daß ihm alternative Analyseinstrumente wie der Satisficing Man oder der Homo Reciprocans an die Seite gestellt werden, die ihn ergänzen und gegebenenfalls auch korrigieren. Im Sinn eines konstruktiven Wettbewerbs um ein besseres Verständnis der ökonomischen Wirklichkeit müßte dies ein ökonomisch geschulter Homo Oeconomicus eigentlich auch begrüßen, denn er weiß ja schließlich, daß Monopolsituationen für die Wirtschaft nie von Vorteil sind.


Wenn der Homo Oeconomicus wie auch der Satisficing Man oder der Homo Reciprocans als Analyseinstrumente interpretiert werden, die bestimmte Aspekte menschlichen Verhaltens zum Zweck ökonomischer Modellbildung bewußt hervorheben und den Menschen darauf reduzieren, verbleibt die Frage nach dem Menschenbild im philosophischen Sinn, die sich allerdings weniger an die Wirtschaftswissenschaften als vielmehr an die Wirtschaftsethik richtet. Wichtige Hinweise dafür finden sich beim Moralphilosophen Adam Smith (1723-1790), der auch weithin als Begründer der modernen Wirtschaftswissenschaften gilt. In seiner von ihm selbst als Hauptwerk angesehen "Theorie der moralischen Gefühle" von 1752 entwickelt Smith ein umfassendes System der Moralphilosophie. Bemerkenswert daran ist, daß er nicht mehr nur wie in der traditionellen Moralphilosophie danach fragt, wie der Mensch handeln soll, sondern vielmehr auf der Basis einer bemerkenswert reichhaltigen sozialpsychologischen Beobachtung untersucht, was aufgrund seiner menschlichen Natur geboten ist.


Dies wendet er in seinem "Wohlstand der Nationen" von 1776 auch speziell auf ökonomische Zusammenhänge an. Leitendes Prinzip des wirtschaftlichen Tuns sind für Smith nicht - wie häufig irrtümlicherweise angenommen - die egoistischen Interessen der einzelnen Akteure, die darauf aus sind, ihren eigenen Nutzen zu steigern. Es ist vielmehr die "natürliche Neigung des Menschen, zu handeln und Dinge gegeneinander auszutauschen", was für Smith letztlich erwächst aus der "menschlichen Fähigkeit, denken und sprechen zu können" 16. Dies bedeutet nicht, daß Smith das Eigeninteresse gerade im wirtschaftlichen Handeln nicht für ein gewichtiges Motiv hält, es hat für ihn jedoch keineswegs per se eine moralische Qualität. Moralisch gerechtfertigt ist dieses Eigennutzstreben, solange dadurch die legitimen Interessen der anderen nicht beeinträchtigt werden.

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