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Johannes Wallacher

Abschied vom Homo Oeconomicus?

Über die Rationalität unseres wirtschaftlichen Handelns


Das Verhaltensmodell der ökonomischen Theorie


Ausgangspunkt des Homo-Oeconomicus-Modells2 ist das einzelne Individuum und dessen Entscheidungen, auf die letztlich alle Marktergebnisse, oder allgemeiner, alle gesellschaftlichen Phänomene zurückgeführt werden können (methodischer Individualismus). Die eigennutzorientierten Individuen versuchen, ihre Ziele mit Hilfe der ihnen zur Verfügung stehenden Mittel bestmöglich zu erreichen; Interessen anderer finden dabei keine Berücksichtigung.


Die individuellen Ziele werden mit Hilfe von Präferenzen abgebildet, die ihre Nutzenvorstellungen repräsentieren und an denen die Akteure ihre Handlungen ausrichten. Diese Präferenzen werden nicht direkt durch Befragung oder andere psychologische Erklärungsmuster bestimmt, sondern indirekt aus den empirisch beobachtbaren Wahlhandlungen (Behaviorismus) abgeleitet. Menschliches Verhalten wird im Homo-Oeconomicus-Modell also als rationale Wahl ("Rational-Choice") aus den Handlungsalternativen verstanden, die für das betreffende Individuum in Frage kommen.


Eine weitere wichtige Grundannahme des Modells ist die strikte Trennung zwischen Präferenzen und Restriktionen. Letztere schränken den Handlungsspielraum der Individuen ein, weil etwa das Geld- oder Zeitbudget beschränkt ist oder weil Vorschriften bzw. Gesetze bestimmte Handlungen verbieten. Durch die Trennung von Präferenzen und Restriktionen wird auch die Situation der Knappheit modelliert: Die individuellen Bedürfnisse gelten prinzipiell als unersättlich, während die zur Verfügung stehenden Mittel zur Befriedigung dieser Bedürfnisse begrenzt sind. Schließlich werden die Präferenzen als konstant angesehen, so daß Verhaltensänderungen auf leichter beobachtbare und meßbare Kosten- bzw. Restriktionsänderungen zurückgeführt werden können.


Das Prinzip der Zweck-Mittel-Rationalität besagt nun, daß die Individuen in der Lage sind, alle Handlungsmöglichkeiten vollständig zu bewerten, sie gemäß ihrer Präferenzen in logisch konsistenter Weise zu ordnen und sich dann für die Alternative mit dem günstigsten Kosten-Nutzen-Verhältnis zu entscheiden. Auf dieser Grundlage läßt sich dann ein allgemeines Nachfragegesetz formulieren, das menschliches Verhalten folgendermaßen erklärt: Wenn sich die relativen Preise bzw. Kosten einer Wahlmöglichkeit im Vergleich zu den Alternativen ändern, werden die davon betroffenen Akteure in vorhersehbarer Weise reagieren. Bei relativer Teuerung sinkt und bei relativer Kostensenkung steigt tendenziell die Nachfrage nach den entsprechenden "Gütern". Dem Homo-Oeconomicus-Modell geht es also nicht darum, das Verhalten bestimmter einzelner Individuen zu prognostizieren, sondern um ein "typisches Verhalten". Es unterstellt lediglich, daß sich das Verhalten der Mehrzahl der Individuen in dieser Weise beschreiben und vorhersagen läßt.

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