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Johannes Wallacher

Abschied vom Homo Oeconomicus?

Über die Rationalität unseres wirtschaftlichen Handelns


Theoretische Anfragen an dieses Modell


Gegen das ökonomische Verhaltensmodell werden schon seit geraumer Zeit theoretische Einwände formuliert. Eine erste grundsätzliche Anfrage bezieht sich auf die letztlich tautologische Struktur des Präferenz-Konzepts. Verhalten soll nämlich erklärt werden in der Terminologie von Präferenzen, die ihrerseits von beobachtbarem Verhalten abgeleitet werden. "Präferiert" ist in diesem Sinn gleichbedeutend mit "gewählt". Es ist jedoch unmittelbar einsichtig, daß der Begriff Präferenz üblicherweise nicht allein auf die Auswahl aus Alternativen reduziert wird, da der Entscheidungsprozeß in vielen Fällen ein Kompromiß aus vielerlei Überlegungen darstellt. So verweist beispielsweise das in der Philosophiegeschichte immer wieder diskutierte Phänomen der Willensschwäche (acrasia) darauf, daß Präferenz und Wahlentscheidung kaum immer identisch sein werden.


Ein weiterer zentraler Einwand betrifft die Eigennutzhypothese. Das Homo-Oeconomicus-Modell in seiner üblichen Form schließt die Einbeziehung sozialer Präferenzen aus. Es gibt allerdings inzwischen erweiterte Interpretationen des Verhaltensmodells, die den Nutzenbegriff so weit fassen, daß auch soziale Präferenzen wie Altruismus und Mitleid vergleichsweise einfach integriert werden können. Dies ist etwa dann möglich, wenn man unterstellt, daß das Bemühen um andere das eigene Wohlbefinden und damit auch den Eigennutz steigert. Dann stellt sich allerdings die Frage, ob ein solcher Egoismus per definitionem das Homo-Oeconomicus-Modell nicht vollständig inhaltlich entleert. Wenn letztlich alle Motive auf Eigennutz zurückgeführt werden, widerspricht dies nicht nur dem üblichen Sprachgebrauch; auch der methodische Erkenntnisgewinn eines solchen Modells ist äußerst fraglich. Der indische Ökonom Amartya Sen, der 1998 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt, spricht daher in einem berühmtem Aufsatz aus dem Jahr 1977 vom "Rationalclown" oder "Rational Fool" 3, der unabhängig vom tatsächlichen Grad an Egoismus automatisch zu einem Eigennutzmaximierer gemacht wird.


Probleme bekommt der Homo Oeconomicus freilich mit Handlungen, bei denen bewußt gewisse Nutzeneinbußen in Kauf genommen werden, sei es aus gewissen Fairneß- bzw. Gerechtigkeitserwägungen oder aufgrund verantwortlicher Verpflichtung. Damit wird die direkte Verbindung zwischen persönlicher Auswahl und Nutzensteigerung aufgehoben, die für das ökonomische Verhaltensmodell grundlegend ist. Dabei kommt die Frage der Absicht ins Spiel, die beispielsweise in der Rechtsprechung, aber auch in der Ethik eine fundamentale Rolle spielt, im Homo-Oeconomicus-Modell jedoch völlig ausgeblendet bleibt, da allein die Konsequenzen einer Handlung als bedeutsam erachtet werden.


Die Bedeutung von Intentionen läßt sich an folgendem Beispiel illustrieren: Zwei Söhne bekommen von ihren Eltern das Angebot, das große Auto des Vaters und das kleine Auto der Mutter für einen Wochenendausflug ausleihen zu dürfen unter der Bedingung, daß sie sich friedlich über die Aufteilung verständigen. Der ältere Sohn

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