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Johannes Wallacher

Abschied vom Homo Oeconomicus?

Über die Rationalität unseres wirtschaftlichen Handelns

bietet daraufhin dem jüngeren an, auswählen zu dürfen und dieser entscheidet sich, ohne zu zögern, für das viel attraktivere Auto des Vaters. Der ältere Bruder ist darüber sichtlich verärgert und bemerkt, daß dies wohl ziemlich ungerecht sei. "Warum?" fragt der jüngere, "welchen Wagen hättest Du genommen, wenn Du hättest wählen dürfen?" "Den Kleineren natürlich!" antwortet der ältere, woraufhin der jüngere triumphiert lächelnd: "Was beklagst Du Dich denn, den hast Du doch bekommen!" Der ältere Sohn hätte sich vermutlich kaum geärgert, wenn er seinem Bruder den größeren Wagen aus altruistischen Motiven überlassen hätte. Offensichtlich spielten für ihn bestimmte Gerechtigkeitserwägungen eine Rolle, und sei es nur, daß er klammheimlich gehofft hat, daß sein jüngerer Bruder ihm das attraktivere Auto überläßt. Die unterschiedlichen Motive spielen im ökonomischen Verhaltensmodell jedoch keine Rolle; das Handlungsverständnis ist allein ergebnisorientiert.


Ergebnisse der neueren empirischen Wirtschaftsforschung


Zusätzlich zu diesen prinzipiellen Einwänden ist der Homo Oeconomicus in den letzten Jahren vor allem durch zahlreiche empirische Untersuchungen unter Beschuß geraten. Angeregt durch sozialpsychologische Forschungen hat sich in den Wirtschaftswissenschaften nämlich eine Richtung entwickelt, die nicht nur mit Feldstudien, sondern auch mit Hilfe von Laborexperimenten empirische Belege für individuelles Verhalten in ökonomischen Entscheidungssituationen geliefert hat, welche den Annahmen des Homo-Oeconomicus-Modells teilweise erheblich widersprechen. Die empirische Wirtschaftsforschung hat gegenwärtig Hochkonjunktur, was sich etwa daran zeigt, daß bedeutende wirtschaftswissenschaftliche Vereinigungen wie die "European Economics Association" 2001 ihre Jahrestagungen diesem Thema gewidmet haben und daß zwei herausragende Vertreter dieser Disziplin, Vernon L. Smith und Daniel Kahnemann, 2002 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet wurden.


Insgesamt legen die empirischen und experimentellen Untersuchungen nahe, daß die Annahme strikt rational und eigennützig agierender Individuen in mehrerlei Hinsicht zu kurz greift, was durchaus auch Auswirkungen auf aggregierte Marktergebnisse hat. Die neuere empirische Wirtschaftsforschung beschränkt sich nicht allein darauf, empirische Abweichungen vom traditionellen ökonomischen Verhaltensmodell aufzuzeigen, sondern bemüht sich auf der Basis der Untersuchungsergebnisse auch, alternative Modelle zu entwickeln. Im folgenden werden einige grundlegende Erkenntnisse und Schlußfolgerungen für die Theoriebildung kurz skizziert.


1. Eingeschränkte Rationalität. Empirische Untersuchungen des realen ökonomischen Entscheidungsverhaltens gehen vor allem auf die Arbeiten von Herbert

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