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Johannes Wallacher

Abschied vom Homo Oeconomicus?

Über die Rationalität unseres wirtschaftlichen Handelns

Simon4 zurück, der bereits 1957 die idealtypische Annahme der vollständig rationalen Wahl kritisierte und alternativ ein Konzept eingeschränkter Rationalität ("bounded rationality") vorschlug. Seiner Ansicht nach sind die Akteure aufgrund der komplexen Problemzusammenhänge grundsätzlich damit überfordert, alle ihnen möglichen Handlungsalternativen zu kennen, geschweige denn ihre Konsequenzen zu beurteilen und sie vollständig und konsistent zu bewerten. Aus diesem Grund kann der Mensch auch nicht seinen Nutzen maximieren, sondern er begnügt sich damit, in Anlehnung an bestimmte Routineregeln und einfache Lernprozesse ein zufriedenstellendes ("satisfying") Anspruchsniveau zu erreichen. Simon führte daher das Modell des "Satisficing Man" ein, der solange nach befriedigenden Lösungen sucht, bis sein Anspruchsniveau erreicht ist. Falls ihm dies nach längerer Suche nicht gelingt, senkt er seine Ansprüche, bis er eine entsprechend akzeptable Alternative gefunden hat.


Diese Theorie wurde im weiteren Verlauf auf der Basis empirischer Studien in verschiedener Weise weiterentwickelt5. Die Untersuchungsergebnisse haben unter anderem darauf hingewiesen, daß eingeschränkte Rationalität nicht einfach als eine andere Art von Nutzenmaximierung erklärt werden kann, etwa im Sinn einer Optimierung unter zusätzlichen Nebenbedingungen. Die eingeschränkte Rationalität bezieht sich nämlich nicht nur auf die unvollständige und inkonsistente Bewertung möglicher Entscheidungsalternativen, was vor allem auf Finanzmärkten eine wichtige Rolle zu spielen scheint. Zahlreiche Studien weisen inzwischen solch "widersprüchliches" Verhalten auf Finanzmärkten nach6. So gibt es eindeutige Belege dafür, daß Investoren in ihren Entscheidungen neue Informationen im Vergleich zu weiter zurückliegenden systematisch überbewerten und sich auch viel stärker davor scheuen, Verluste zu realisieren, auch wenn dies eigentlich ökonomisch geboten wäre.


Die Grenzen der Rationalität zeigen sich vielmehr auch darin, daß rationale Bewertung und tatsächliche Wahlentscheidung nicht notwendigerweise übereinstimmen, da das Verhalten offensichtlich auch von eingeschränkter Willenskraft bestimmt ist. Solche Selbstkontrollprobleme sind beispielsweise im Hinblick auf die Altersversorgung von Bedeutung, wo für viele Akteure zwar unmittelbar einsichtig ist, daß ausreichende Rücklagen für ihre Alterssicherung sinnvoll sind. In vielen Fällen werden diese Altersrücklagen aber aufgrund kurzfristiger Konsumentscheidungen zurückgestellt oder zumindest eingeschränkt.


2. Eingeschränkter Eigennutz. Eine weitere wichtige Erkenntnis der neueren empirischen Wirtschaftsforschung ist, daß sich Menschen auch in ökonomischen Entscheidungssituationen nur begrenzt eigennützig verhalten. Dazu beigetragen haben vor allem neue Experimentaltechniken, die es erlauben, ökonomisches Verhalten in kontrollierten Versuchen zu analysieren und mit den Prognosen des Homo-Oeco- nomicus-Modells zu vergleichen. Diese Experimente werden unter realen Bedingungen durchgeführt, was bedeutet, daß die Wahlhandlungen der untersuchten

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