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Johannes Wallacher

Abschied vom Homo Oeconomicus?

Über die Rationalität unseres wirtschaftlichen Handelns

Teilnehmer für diese unmittelbar monetäre Auswirkungen haben und sie für ihre jeweiligen Entscheidungen entsprechend zahlen müssen oder Geld erhalten.


Ein erstes Ergebnis dieser experimentellen Untersuchungen ist der Beleg für die Relevanz von sozialen Präferenzen wie Fairneß und Reziprozität7. Fairneß meint die faire Aufteilung des Tauschertrages unter Beachtung gerechter Verfahrensregeln; Reziprozität ist im Sinn einer bedingten Kooperationsbereitschaft zu verstehen und bedeutet, daß Akteure bereit sind, faires Verhalten des Tauschpartners zu belohnen und unfaires entsprechend zu bestrafen, und zwar auch dann, wenn dies mit persönlichen Einbußen verbunden ist. Armin Falk spricht daher bereits vom bedingt kooperationsbereiten "Homo Reciprocans", den er dem Homo Oeconomicus gegenüberstellt8.


Reziprokes Verhalten läßt sich an dem sehr einfachen Ultimatum-Spiel zeigen. Zwei Personen A und B müssen sich gemäß folgender Regel über die Aufteilung einer bestimmten Geldsumme, beispielsweise 100 Euro, verständigen. A macht einen Vorschlag, wie das Geld aufzuteilen ist. B muß auf diesen Vorschlag antworten und kann den Vorschlag akzeptieren oder zurückweisen. Wenn B zurückweist, bekommt keiner der beiden etwas, wenn B annimmt, wird das Geld gemäß dem Vorschlag von A aufgeteilt. Unter der üblichen Homo-Oeconomicus-Annahme der Zweckrationalität beider Spieler ist die Lösung des Spiels, daß A dem Mitspieler B einen minimalen Betrag, zum Beispiel 10 Cent, zugesteht. Da nämlich A weiß, daß dadurch auch B besser gestellt wird, wird er ihm nur einen minimalen Teil überlassen, um selbst einen möglichst großen Anteil einzustreichen. Die Auswertung einer Vielzahl solcher Spiele in Laborexperimenten zeigt nun allerdings andere Lösungen9. Wenn A dem Mitspieler B weniger als 20 Prozent der aufzuteilenden Summe anbietet, wird dieses Angebot mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,4 bis 0,6 abgelehnt. Als Motiv für die Ablehnung wird in der Regel angegeben, daß ein niedriges Angebot als "unfair" angesehen und daher zurückgewiesen wird, obwohl damit ein persönlicher Verlust verbunden ist.


Verschiedene Experimente konnten auch nachweisen, daß Fairneß und Reziprozität durchaus auch Einfluß auf aggregierte Marktergebnisse haben, vorausgesetzt, daß es einen Spielraum für reziprokes Verhalten gibt10. Dies ist in sogenannten unvollständigen Vertragsmärkten der Fall, wo Leistungen und Gegenleistungen der Tauschpartner nicht vollständig durch einen Vertrag geregelt werden können. Ein klassisches Beispiel dafür sind die Arbeitsmärkte, wo das Anforderungsprofil der Arbeitsstelle oder die Leistungsbereitschaft des Arbeitnehmers nur sehr begrenzt durch einen Arbeitsvertrag festgelegt werden können. Umfangreiche Befragungen von Personalmanagern in den USA11 konnten beispielsweise einen nicht unerheblichen Einfluß von Fairneßüberlegungen auf das Marktergebnis nachweisen. Auf die Frage, warum sie in rezessiven Phasen nicht die Löhne senken, was das ökonomische Verhaltensmodell voraussagen würde, antwortete die Mehrzahl der befragten Personalmanager, daß dies von den Arbeitnehmern als unfair empfunden und

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