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Johannes Wallacher

Abschied vom Homo Oeconomicus?

Über die Rationalität unseres wirtschaftlichen Handelns

sich vermutlich negativ auf ihre Arbeitsmoral und Leistungsbereitschaft auswirken würde.


Für die Fairneßeinschätzung und Kooperationsbereitschaft spielen nicht nur die Handlungsfolgen, sondern auch mit den Handlungen verbundene Intentionen eine wichtige Rolle. So belegt etwa Armin Falk anhand unterschiedlicher experimenteller Versuchsanordnungen, daß die gleichen Handlungsfolgen durchaus verschieden beurteilt werden, je nachdem ob die jeweiligen Tauschpartner dafür verantwortlich gemacht werden können und ob die zugrundeliegende Absicht bzw. die Verfahren als fair oder unfair betrachtet werden. Dies wirkt sich beispielsweise auch auf die Einschätzung von Lohnsenkungen aus, die - wie die Befragung der Personalverantwortlichen auch zeigt - leichter akzeptiert werden, wenn die Arbeitgeber glaubhaft vermitteln können, daß sie keine andere Wahl haben, um etwa einen drohenden Konkurs abzuwenden.


Das Phänomen der bedingten Kooperationsbereitschaft hat auch für sogenannte soziale Dilemmasituationen eine wichtige Bedeutung. Diese zeichnen sich dadurch aus, daß eine Kooperation für alle Beteiligten von Vorteil wäre, jeder einzelne sich nach Abschluß einer Kooperationsvereinbarung aber noch einmal besser stellt, wenn er die Kooperation unterläuft und sich als "Trittbrettfahrer" verhält. Auf der Basis des Homo-Oeconomicus-Modells lassen sich solche sozialen Dilemmasituationen nur dann lösen, wenn der Staat die Akteure durch eine Rechtsordnung einschließlich Sanktionsmechanismen zur Einhaltung einer entsprechenden Kooperationsvereinbarung zwingt. Verschiedene experimentelle Studien legen nun nahe, daß viele Akteure auch in sozialen Dilemma-Situationen bedingt kooperatives Verhalten zeigen, was unter bestimmten Voraussetzungen zur Überwindung dieser Dilemmata genutzt werden kann.


Falk erläutert dies am Phänomen der Steuerhinterziehung12, das für nahezu alle Gesellschaften ein gravierendes Gerechtigkeitsproblem mit erheblichen wirtschaftlichen Folgen darstellt. Die traditionelle Homo-Oeconomicus-Analyse betrachtet dieses Problem primär unter der Rücksicht materieller Anreize und vergleicht die zu entrichtende Steuerlast mit der Strafe, die im Fall einer nachgewiesenen Steuerhinterziehung (Produkt aus Strafhöhe und Aufdeckungswahrscheinlichkeit) zu entrichten wäre. Der Aspekt der Steuermoral spielt dabei keine Rolle. Empirische Untersuchungen weisen jedoch darauf hin, daß auch freiwillige Formen der Steuerzahlung bedeutsam sind, was unter anderem daran deutlich wird, daß der Umfang der Steuerhinterziehung in vielen Ländern geringer ist, als gemäß dem Homo-Oeconomicus-Modell prognostiziert. Die freiwillige Bereitschaft zur Entrichtung von Steuern kann somit bei der politischen Ausgestaltung des Steuersystems berücksichtigt werden, wenn man, wie Falk, Steuermoral als eine Form bedingt kooperativen Verhaltens interpretiert. Dies bedeutet, daß jemand um so mehr bereit ist, seine Steuern zu zahlen, je mehr er davon überzeugt ist, daß auch die anderen einen fairen Steuerbetrag entrichten. Diese Überlegungen haben weitreichende Auswir-

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