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Johannes Wallacher

Abschied vom Homo Oeconomicus?

Über die Rationalität unseres wirtschaftlichen Handelns

daß die Akzeptanz anderer Gemeinden schwindet, freiwillig und unentgeltlich ähnlich problematische Einrichtungen aufzunehmen.


Quo vadis Homo Oeconomicus?


Die empirischen Befunde der neueren experimentellen Wirtschaftstheorie zeigen eindeutige Abweichungen des realen wirtschaftlichen Verhaltens von den Annahmen des Homo-Oeconomicus-Modells, insbesondere was die Prinzipien der individuellen Rationalität und des strikten Eigennutzes betrifft. Daran schließt sich unmittelbar die Frage an, welche Konsequenzen sich daraus für die Wirtschaftswissenschaft und die Wirtschaftspolitik, aber auch für die Wirtschaftsethik ergeben. Zuweilen wird daraus der Schluß gezogen, daß damit der Abschied vom ungeliebten Homo Oeconomicus eingeläutet sei14 und daß dieser nun einem realistischerem Menschenbild Platz machen müsse. Bei näherer Betrachtung bleibt bisher allerdings unklar, welches Modell dies sein soll. Auch wenn die Verhaltensökonomen sich ausdrücklich darum bemühen, den "Satisficing Man" oder den "Homo Reciprocans" auch theoretisch weiterzuentwickeln, ist ungewiß, ob eine dieser Alternativen allein zu einem besseren Verständnis wirtschaftlicher Phänomene beitragen kann. Eine ökonomische Analyse wird auch in Zukunft das anreizorientierte Homo-Oeconomicus-Modell zu Rate ziehen. So läßt sich auf dieser Basis beispielsweise der Schluß ziehen, daß die Strafhöhe bei Steuerhinterziehung nicht zu gering ausfallen darf. Ähnliches gilt für den Tatbestand der Korruption, wo mit Hilfe der Homo-Oeconomicus-Analyse einerseits eine Erweiterung des Strafrechts und andererseits ein ausreichender Mindestlohn für Funktionsträger abgeleitet werden kann, um die Versuchung zur Korruption zu reduzieren.


Die empirische Wirtschaftsforschung hat allerdings nachgewiesen, daß diese ausschließlich anreizorientierte Sichtweise wesentliche Aspekte menschlichen Verhaltens (intrinsische Motivation, Orientierung an Fairneßkriterien) ausblendet, was zu unvollständigen und auch falschen Politikempfehlungen führen kann. So legen die empirischen Ergebnisse nahe, daß auch ökonomische Akteure entgegen der Homo-Oeconomicus-Annahme bedingt kooperationsbereit sind, was nicht bedeutet, daß sie per se uneigennützig handeln, sondern daß sie grundsätzlich bereit sind, sich an gewissen Fairneßkriterien zu orientieren und sich unter bestimmten Voraussetzungen kooperativ verhalten. Das heißt aber auch, daß die Erwartungen über das Verhalten anderer und die Einschätzung des institutionellen Umfelds in gewisser Weise handlungsleitend sind. Dieser Faktor wird in der jüngeren sozialwissenschaftlichen Diskussion als Sozialkapital15 bezeichnet.


Ein wesentliches Merkmal des sozialen Kapitals einer Gesellschaft ist, daß die Rechtsordnung und andere formale Rahmenbedingungen wechselseitig mit den informellen sozialen Normen verbunden sind. Wenn das formale ordnungspolitische

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