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Martin Maier SJ

Abschaffung der Todesstrafe




Die Position der katholischen Kirche gegenüber der Todesstrafe hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts gab es kaum Zweifel an der grundsätzlichen Berechtigung der Todesstrafe. Papst Innozenz III. verkündete im Jahr 1208 gegen die Waldenser als katholische Lehre: "Was die weltliche Gewalt betrifft, so erklären wir, daß sie ohne Todsünde ein Bluturteil vollstrecken kann, solange sie zum Vollzug der Strafe nicht aufgrund von Haß, sondern aufgrund eines richterlichen Urteils, nicht unvorsichtig, sondern überlegt schreitet." Auch Thomas von Aquin verteidigte die Todesstrafe als legitimen, sozialen Selbstschutz der Gesellschaft.


Der Weltkatechismus von 1992 geht im Zusammenhang mit dem Recht auf Notwehr auf die Todesstrafe ein: "Der Schutz des Gemeinwohls der Gesellschaft erfordert, daß der Angreifer außerstande gesetzt wird zu schaden. Aus diesem Grund hat die überlieferte Lehre der Kirche die Rechtmäßigkeit des Rechtes und der Pflicht der gesetzmäßigen öffentlichen Gewalt anerkannt, der Schwere des Verbrechens angemessene Strafen zu verhängen, ohne in schwerwiegendsten Fällen die Todesstrafe auszuschließen."


Doch drei Jahre später behandelte die Enzyklika "Evangelium vitae" das Thema Todesstrafe weitaus restriktiver. Sowohl in der Kirche als auch in der weltlichen Gesellschaft wird eine zunehmende Tendenz festgestellt, "die eine sehr begrenzte Anwendung oder überhaupt die völlige Abschaffung der Todesstrafe fordert". Wie der Weltkatechismus erwähnt die Enzyklika in "schwerwiegendsten Fällen" die Todesstrafe als letztes Mittel zum sozialen Selbstschutz der Gesellschaft. Aber dann heißt es: "Solche Fälle sind jedoch heutzutage infolge der immer angepaßteren Organisation des Strafwesens schon sehr selten oder praktisch überhaupt nicht mehr gegeben." Im Licht von "Evangelium vitae" müßte also der Weltkatechismus in seiner Aussage zur Todesstrafe neu formuliert werden. Damit ist ein Beispiel gegeben, wie sich die kirchliche Lehre in einer bedeutenden Frage weiterentwickelt und frühere Positionen verläßt.


Auf dieser Grundlage ist Papst Johannes Paul II. mit seiner kompromißlos vertretenen "Kultur des Lebens" zu einem weltweiten Vorkämpfer für die Abschaffung der Todesstrafe geworden. Bei seinem letzten Besuch in den USA im Januar 1999 setzte er sich nachdrücklich gegen die Todesstrafe ein. Mit Blick auf das Jubiläumsjahr 2000 erklärte er am 12. Dezember 1999: "Das große Jubiläumsjahr ist eine besondere Gelegenheit, bessere Formen der Achtung vor dem Leben und der Würde jeder menschlichen Person zu entwickeln. Deshalb erneuere ich meinen Appell an alle Staatsführer, eine internationale Übereinkunft zur Abschaffung der Todesstrafe zu erreichen." Der Papst unterstützte damit ausdrücklich die von der Gemeinschaft Sant'Egidio angeführte internationale Kampagne "Moratorium 2000" für eine weltweite Aussetzung der Todesstrafe (vgl. im Internet: www.santegidio.org). Dazu wurden schon über 2 Millionen Unterschriften gesammelt, die UNO-Generalsekretär Kofi Annan zur UNO-Vollversammlung Ende des Jahres in New York übergeben werden sollen.


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Andreas R. Batlogg SJ


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