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Matthias Sellmann

Gott ist jung! Kirche auch?

Trends und Projekte in jugendpastoraler Theorie und Praxis

pendynamik stehen Kerzenlicht und atmosphärische Stimmung im Vordergrund. Glaube soll entsprechend der Bedürfnislage heutiger junger Leute mehr erlebt als durchdacht werden.


Die Frage lautet, ob Glaube tanzbar ist; und mehr als logische Widerspruchsfreiheit der angebotenen Texte interessiert heute die emotionale Qualität der Impulse. Der Dom wird verdunkelt und nur von Kerzenlicht erhellt; im Kirchenraum wird ein Sinnen-Parcours errichtet und "Body & Soul" genannt; Gottesdienste werden an "ungewöhnlichen Orten" wie Bankschalterhallen, Bunkern oder ShoppingMalls gefeiert; Karfreitagsliturgien werden als Tanz-Performances gestaltet; Taizé-Ecken in der Markenfarbe Orange gelten als "chilling corners" und locken mit Sitzkissen, Ikonen und Teelichtern; der Grund, zur Jugendliturgie zu gehen, ist die nach amerikanischer Freikirche klingende Praise-Band, nicht die Predigt. Insgesamt wird vor allem die kirchliche Liturgie stark unter den Aspekten von gelungener, das heißt hier mit säkularen Erlebnisstandards vergleichbarer, stimmiger Performanz rezipiert. Pointiert gesagt: Ob das Kommen etwas brachte, entscheidet sich weniger daran, ob es wahr oder gut, sondern mehr daran, ob es schön war. Wobei im jugendkulturellen Erleben des Schönen durchaus die Dimensionen des "Guten" und auch des "Wahren" zu finden sind, allerdings im Konfliktfall niedrigere Priorität genießen.


Die jugendsoziologische Theorie kennt dieses Phänomen einer zunehmend affirmativen Wendung weg vom Diskurs hin zur Performance gut und diskutiert es unter dem Begriff des "iconic turn"16 und des "Event"17. Wichtig für kirchliche Rezeptionsprozesse wird sein, daß man diese Entwicklung, die als grundlegender Wertewandel zu beschreiben wäre, nicht von vornherein als bloßen Verfall betrachtet. Es gibt gute Gründe, warum es für die Jüngeren intelligent, kreativ und sachgerecht ist, ihre Gegenwartserfahrung einer spät- oder postmodernen Wirklichkeit eher ikonisch als diskursiv zu erschließen. Trotzdem stehen die Akteure jugendpastoraler Angebote vor zwei großen Bewährungsproben: Zum einen muß sich die in diesem Berufsfeld sehr häufig anzutreffende eigene Wertprägung eines 68er-Postmaterialismus zu der oft so ganz anderen Wertprägung der 89er-Jugendlichen konstruktiv verhalten - und das ist echte Persönlichkeitsarbeit, die bis zur Einsicht in die vorübergehende Berufsunfähigkeit führen kann18. Zum anderen sind neue Formate gerade der Jugendliturgie zu finden, die performative Klasse haben und dabei aber trotzdem nicht einfach in den Modus ästhetischer Überwältigung wechseln, sondern die rationale Ausweisbarkeit des kultischen Geschehens mindestens potentiell bereithalten19.


Einen sehr entschiedenen und extrovertierten Schritt geht die jugendliturgische Initiative "Nightfever", gegründet von dem damaligen Kölner Seminaristen Andreas Süß als Reaktion auf den Weltjugendtag 2005 (‹www.nightfever-online.de›). Hier handelt es sich um das, was man früher einfach "Liturgische Nacht" genannt hätte. Allerdings weist der Flyer von "Nightfever Köln" verborgen bereits darauf hin, daß man es hier mit einem liturgischen Event großen Ausmaßes und besonderer

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