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Kurt Koch

Selbstverständnis und Praxis des kirchlichen Lehramts



In der gegenwärtigen katholischen Kirche scheint das Lehramt nicht besonders hoch im Kurs zu stehen. Nicht nur Theologen und Seelsorger, sondern auch zahlreiche Laien pflegen ihm gegenüber nicht selten eine reservierte Distanz einzunehmen oder gar eine große Skepsis zu entwickeln, die sich bis zu massiven Vorurteilen gerieren kann. Diese sind vor allem daran abzulesen, daß am Lehramt teilweise recht pauschale Kritik geübt wird, ohne daß zunächst seine Äußerungen zur Kenntnis genommen werden. Solche kritiklose Kritik war beispielsweise zu vernehmen im Vorfeld der Veröffentlichung des "Katechismus der katholischen Kirche", insofern eine breite Diskussion über diesen sogenannten Weltkatechismus zu einem großen Teil ohne Kenntnis des Textes geführt wurde.


Hinter solchen Erscheinungen ist gewiß ein großer Vertrauensverlust des Volkes Gottes und seiner Theologen zu diagnostizieren, der das Lehramt zu einer selbstkritischen Überprüfung seines Selbstverständnisses und seiner Praxis veranlassen sollte. Auf der anderen Seite aber wäre es nicht nur realitätsblind, sondern auch ungerecht, würde man die Ursachen für diesen Vertrauensschwund monokausal beim kirchlichen Lehramt ausfindig machen und das Volk Gottes und seine Theologen auf diesem Wege von jeder Schuld reinwaschen. Vielmehr ist es - bereits aus Gründen der Fairneß und des Anstands - angebracht, auch einmal danach zu fragen, wie denn das kirchliche Lehramt sich selbst versteht1.


Diese Aufgabe, aus den Äußerungen des Lehramts sein eigenes Selbstverständnis zu eruieren, ist keineswegs leicht. Denn damit ist dem Theologen zugemutet, in die gewiß andere Haut des Lehramts zu schlüpfen und gleichsam eine gedankliche Herztransplantation zu versuchen. Die Aufgabe ist auf der anderen Seite aber auch herausfordernd und lohnend. Denn sie enthält den heilsamen Zwang, zunächst im Sinn einer Hermeneutik der Anerkennung des andern in seinem Anderssein2 auf den anderen, konkret auf das Lehramt zu hören, wie es sich selbst versteht und nicht einfach durch die Brille des Theologen gesehen wird.


Bei diesem sensiblen und vorurteilsfreien Hinhören dürfte an erster Stelle deutlich werden, daß hinter dieser Frage nach dem Selbstverständnis des kirchlichen Lehramts bereits ein Vorurteil steckt, das auch und gerade unter Theologen weit verbreitet ist. Denn sie insinuiert, das Lehramt sei eine einheitliche oder gar monolithische Größe und man könne deshalb genau sagen, wie das Lehramt sich selbst versteht. Dieses Vorurteil entspricht jedoch keineswegs der Realität. Denn das Lehramt gibt es nicht - wie es auch die Theologie nicht gibt.

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