Peters, Tiemo Rainer: Mehr als das Ganze

Nachdenken über Gott an den Grenzen der Moderne

Ostfildern: Grünewald 2008. 186 S. Br. 19,90.


So aufgeklärt und gottlos sich die moderne Gesellschaft auch geben mag, sie wird "Gott nicht los". Ihre offen vor sich hergetragene Säkularität erweist sich zunehmend als Fiktion, die das, was sie so entschieden ablehnt - das religiöse Verlangen - gerade selbst hervorbringt. In einer Reihe von "experimentellen Texten", die sich der kritischen Offenbarungstheologie Dietrich Bonhoeffers und dem Denken von Johann Baptist Metz verpflichtet wissen, versucht Tiemo Rainer Peters, die Theologie angesichts der Krisen einer spätmodernen Gesellschaft erneut auf ihre zentrale Aufgabe zu verpflichten: "dem 'Undenkbaren', Gott, nachzudenken" (9).


Eine erste Serie von Texten "Von Gott sprechen" (11-42) versammelt Überlegungen zum Vorfeld des Theologischen. Am Anfang steht die Glaubenserfahrung in all ihrer Widersprüchlichkeit als Bastion gegen Anonymität und in ihrer Unzugänglichkeit, ja Isolation. Theologie als "artikulierte Erfahrung" (12) ist ein sekundärer Akt. Sie versucht Brücken zu bauen und die religiöse Erfahrung gegen die destruktiven Kräfte ihrer Selbstgewißheit zu schützen. Die Frage nach ihrer Aufgabe spitzt sich noch einmal zu, wenn sie "von der großen, in der Leidensgeschichte der Menschen gehärteten Hoffnung gegen alle Hoffnung" (17) Zeugnis geben soll. Als begründete Rede von Gott kann sie der sinnauszehrenden Alternative "zwischen erklärendem Verstehen und bezeugendem Handeln" (32) nur entgehen, wenn es ihr gelingt, sich an konkreten Orten zu bewähren. Damit wird das Problem der Temporalität der Theologie aufgeworfen, zu dessen Verdeutlichung Karl Rahner SJ und Metz, die Zeit des Geheimnisses und das Geheimnis der Zeit in ein Gespräch miteinander gebracht werden.


Eine Theologie "Unter spätmodernen Bedingungen" (43-81) muß sich auf die innere Unruhe der biblischen Apokalyptik rückbesinnen. Angesichts einer "verschärften Gotteserwartung" (50) kann es ihr nicht primär darum gehen, das Leid zu verstehen, sondern es dem allein rettenden Gott entgegenzuhalten und die Menschen zu entschiedenem Handeln zu ermutigen. Darin liegt für Peters "das 'Politische' dieser zeitreflektierten Theologie" (65) und zugleich ihre schöpferische Kraft angesichts ihrer "offenkundigen Ohnmacht" (54). Der Ertrag der Säkularisierungskritik liegt in einer "negativen Präsenz des Theologischen" (65), die als solche erst ermöglicht, daß Vernunft als Freiheit praktisch wird. Der epochalen Gotteskrise, die uns heute als "gönnerischer Pluralismus" (76) entgegentritt, will er mit Metz eine negative Theologie der "Untröstlichkeit" entgegenstellen, die sich allerdings selbst noch einmal fragen lassen muß, ob sie den Gottesgedanken angesichts der Totalität der Krise - nicht ihrer Absolutheit! - nicht doch überstrapaziert.


Die Rede von einer "Herausgeforderten Christologie" (83-120) soll verdeutlichen, daß der christologische Anspruch auch heute noch ein Versprechen beinhaltet. Die Evangelien sind für Peters' Gedächtnis des "umsonst" geschehenen Todes Christi, von dem sie - nach einem Wort Walter Benjamins - auch ihre Autorität geliehen haben. Genau darin liegt die Widerstandskraft des "Umsonst" der Bergpredigt und ihr entschiedenes Eintreten für die Würde der Leidenden - nicht des Leids! - begründet. Während die Inkarnation im Gefolge der jüdischen Rede von der "Einwohnung" den Blick für das Konkrete und die "unbedingte schöpferische Nähe und Präsenz Gottes" (97) schärft, führen Kreuz und Auferstehung mit aller Wucht auf die Aporien einer "Christologie nach Auschwitz" zurück. Peters versucht, sie im Spannungsfeld "einer entweder an der Apokalyptik des Schreis oder am biblischen Segen ausgerichteten Christologie" (111) produktiv zu machen. Eine "negative Christologie" (Metz) müßte so mit einer "praktischen Christologie" (Bonhoeffer) verbunden werden, daß sie nicht nur überzogenen Spekulationen wehren, sondern auch Nachfolge im Sinn der von Jesus gelebten Tora-Treue einfordern könnte.


Im letzten Teil "Über alles Denken hinaus" (121-178) kommt Peters auf das Spezifische der Theologie zu sprechen. Sie muß die "Grenzregion zwischen Leben und Tod, Gefährdung und Rettung, Diesseits und Jenseits, deren wir nicht mächtig sind" (164), ernst nehmen. Sie greift damit ein Grundanliegen der Kontemplation auf. Es geht hierbei nicht um ein mystisches Bedürfnis, sondern um "konzentrierte Erfahrung" (124), die sich auf den Weg der konkreten Nachfolge einläßt und apostolisch wird. Das hat auch Konsequenzen für die Rede von einer "anamnetischen Vernunft", in der die "memoire involontaire" (139) und mit ihr das Vergessen als erfahrungsbildendes (Th. W. Adorno, 144) berücksichtigt werden müßten. Die Hoffnung auf Vollendung, die Theologie denkend einzuholen versucht, kann letztlich nur "in der Bodenlosigkeit des Leidens und der Trauer ... verankert sein" (159). Hier, wo sie notwendig im strengen Sinn und nicht bloße Tugend ist, kann sie zur Hoffnung über den Tod hinaus werden, nicht weil sie begriffen, sondern weil sie bewährt wird.


Diese Zusammenstellung teils unveröffentlichter, teils nur schwer zugänglicher Texte läßt das Profil eines theologischen Denkens erkennen, das seine Stärke gerade im Ringen um den objektiven Stellenwert der Theologie angesichts ihrer subjektiven Verunsicherungen und gesellschaftlichen Infragestellung erweist.

Paul Schroffner SJ



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