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Albert Keller SJ

Verachtete Vernunft



"Es verachtet Verstand und Wissenschaft des Menschen allerhöchste Gaben - es hat dem Teufel sich ergeben und muß zu Grunde gehn." Mit diesem frei umgestalteten Zitat aus Goethes "Faust" beschreibt Hegel in der "Phänomenologie des Geistes" ein menschliches Bewußtsein, in das "der Erdgeist gefahren" sei. Man ist an manchen Versuch von "Selbstverwirklichung" erinnert, wenn er diese Art "Selbstbewußtsein" dann so charakterisiert: "Es stürzt also ins Leben und bringt die reine Individualität, in welcher es auftritt, zur Ausführung. Es macht sich weniger sein Glück, als daß es dasselbige unmittelbar nimmt und genießt."


Hegel bezieht sich mit seinem ungenauen Zitat auf eine schadenfrohe Bemerkung Mephistos über Faust; diese beginnt mit den Worten: "Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, Des Menschen allerhöchste Kraft, Laß nur in Blend- und Zauberwerken Dich von dem Lügengeist bestärken, So hab' ich dich schon unbedingt." Und sie schließt: "Und hätt' er sich auch nicht dem Teufel übergeben, Er müßte doch zugrunde gehn!"


Hegels Text trifft jenen Menschen, der durch sein bloßes Tun die Vernunft verachtet, weil er unüberlegt und unvernünftig "zum Genüsse der Lust" handelt; er unterstellt jedoch nicht, daß dieser auch die Überzeugung hegt, die Vernunft sei verächtlich. Faust hingegen bekennt ausdrücklich: "Mich ekelt lange vor allem Wissen." Er steht also bewußt dazu, "Vernunft und Wissenschaft" zu verachten, weil sie ihm mit ihrer "grauen Theorie" nicht - wie er es sich von ihnen versprochen hatte - die bunte Fülle des Lebens nahezubringen vermögen.


Der erste Fall, daß einer nämlich kopflos seinen Launen und Trieben folgt und darin die Vernunft mißachtet, kommt immer wieder vor. Hier handelt der Mensch im Konflikt zwischen erkannter Pflicht und Neigung wider sein besseres Wissen, weil er nicht genügend willensstark oder selbstbeherrscht ist, seine Einsicht auch gegen seine Begierden in die Tat umzusetzen. Wer um die menschliche Schwäche weiß, wird sich über diese praktische Mißachtung der Vernunft, die recht gut mit deren theoretischer Hochschätzung einhergehen kann, nicht allzusehr entrüsten; er findet sie zwar wohl kaum bewundernswert, aber doch auch nicht besonders verwunderlich.


Hingegen ist die Faustische Einstellung, daß also jemand die These vertritt, Vernunft sei zu verachten, erstaunlicher und schwieriger zu begreifen. Sie scheint sogar derart außergewöhnlich, daß man bezweifeln könnte, ob überhaupt einer dieser Auffassung huldigt.


Dennoch spricht einiges dafür, daß in letzter Zeit nicht nur vereinzelte von dieser Mode ergriffen sind, die in der Geistesgeschichte immer wieder einmal aufge-

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