Tamcke, Martin: Christen in der islamischen Welt

Von Mohammed bis zur Gegenwart

München: Beck 2008. 204 S. (Beck'sche Reihe. 1765.) Br. 12,95.


Der Göttinger Professor für Ökumenische Theologie Martin Tamcke hat einen besonderen Standpunkt. Dieser Ort, den er entschieden einnimmt, um von ihm aus die Geschichte der islamischen Welt und die Beziehungen zwischen Islam und Christentum zu begreifen, ist die Lebenswirklichkeit der orientalischen Christen in der "islamischen Welt" - "die Wirklichkeit einer numerischen Minorität".


Das zentrale Anliegen des Autors ist es, die eigenständige Wirklichkeit der orientalischen Christen zu verstehen, die sich aus ihrem Leben in Schicksalsgemeinschaft mit der islamischen Welt bei gleichzeitiger Differenz zu ihr ergibt. In Tamckes Argumentation haben die orientalischen Christen eine doppelte Bedeutung: eine hermeneutische als ein "Fieberthermometer" für den jeweiligen Zustand der islamischen Welt und eine normative, indem die orientalischen Christen sowohl der "öffnende Faktor" für die islamische Welt, als auch das Korrektiv der Identifikation von "Abendland" und Christentum sind. Dies führt Tamcke in fünf Kapiteln aus.


Das erste Kapitel steckt den vorgegebenen gesellschaftlichen wie religiösen Rahmen des christlichen Lebens in der islamischen Umwelt ab: koranische Grundlagen, die Bandbreite der Schutzverträge sowie das Milletsystem, das sich vor allem im osmanischen Reich entwickelnde Rechtssystem also, in dem den Christen und an deren religiösen Gruppen in der unter geordneten Rolle als Schutzbefohlenen eine eigene Jurisdiktion und Verwaltung eingeräumt wurde. Sodann bietet es Elemente der Selbstwahrnehmung orientalischen Christentums: die literarisch geformte Klage über Konvertiten, die Rolle als Vermittler griechischer Kultur und die Auseinandersetzung über die Frage, welche Auswirkung der religiös-politische Status des Schutzbefohlenen auf eine "Minderheitenpsyche" hat. Ein recht ausführlicher Exkurs blickt auf die Geschichte der Christen in Qatar im 7. Jahrhundert.


Das zweite Kapitel gibt einen Überblick über die verschiedenen Konfessionen sowie über die protestantische Mission. Die Darstellung konzentriert sich auf einen geschichtlichen Abriß, der in einigen zentralen Persönlichkeiten verdichtet wird.


Die Situation der Christen schlägt sich literarisch in der Gesprächsform der "in direkten Dialoge" nieder, die Tamcke im dritten Kapitel anhand von vier Beispielen aus verschiedenen Epochen als "interreligiöse Dialoge" darstellt. Es sind stark ritualisierte Frage- und Antwortspiele; die Christen befinden sich in der Rolle der Befragten. Die Dialoge dienen nicht der Gewinnung neuer Erkenntnisse, sondern der Selbstbestätigung und der Vergewisserung über die bleibende Gültigkeit der zwischen den Religionen gezogenen Grenzen. Nichtsdestoweniger zeigt das Kapitel geradezu beiläufig, wie das christliche Bekenntnis in diesen Gesprächen vor dem Horizont des islamischen Glaubens formuliert wird.


Im vierten Kapitel realisiert sich die Grundsituation von Differenz und unauflöslicher Zugehörigkeit in bezug auf die arabische Identität: Die Hoffnung auf Emanzipation, die die orientalischen Christen wesentlich zu der Formung einer säkularkulturellen arabischen Identität beitragen ließ, macht aus ihnen einen "Motor der Modernisierung". Aber gerade dieser Modernisierungsschub führt die Christen nur weiter aus der islamischen Welt heraus. Die arabische Identität bleibt der Ort der Differenz, indem das Zerfallen des Milletsystems und die Nationalisierung die Christen als Fremde im eigenen Land festschreiben. Wahrgenommen wurden sie von der muslimischen Umgebung denn auch als "fünfte Kolonne", obwohl das Hegemonialstreben der europäischen Kolonialisierung ihnen weder einhellig positiv noch in irgendeiner Weise solidarisch gegenüberstand. Es ist die doppelte Differenz zur muslimischen Umwelt wie zur westlichen Welt, die den orientalischen Christen nur die Wahl zwischen zwei Unmöglichkeiten läßt. Überblicks artig analysiert das fünfte Kapitel schließlich die Situation verschiedener Länder: Irak/Iran, Libanon, Türkei, Ägypten und Äthiopien.


Insgesamt setzt sich die Geschichte der orientalischen Christen für Tamcke vor allem aus den Elementen "anfängliche respektvolle Koexistenz", "zunehmende islamische Dominanz", "Konversionsdruck", "Massenabwanderung und Vertreibung" zusammen. Die Elemente, die in sich kenntnisreich und anschaulich geschildert werden, verdichten sich in manchen Überblicken zum Eindruck einer Linearität und einer gewissen Zwangsläufigkeit. Auch wenn der Autor jeden Essentialismus von sich weist, suggerieren manche Zeitsprünge und Verdichtungen historischer Entwicklungen, daß "der Islam" letztlich gar nicht anders könne, als "das orientalische Christentum" zu vernichten. Diese Argumentationslinie unterstützt auch die Bildauswahl, deren Untertitelung manchmal die Diffenziertheit der Argumentation zurücknimmt.


Bedauerlich ist schließlich auch die Reduktion des "Dialogs" auf die Alternative: ritualisierte "Überprüfungsspielchen" fest etablierter Grenzziehungen oder "westlich bezahlte Alibiveranstaltungen". Wahrscheinlich hätte nicht nur das voll kommen ausgeklammerte Wirken katholischer Christen Beispiele eines durchaus bereichernden Miteinanders bieten können. Nun ist es leicht, den Autor eines Überblicks für das, was er nicht geschrieben hat, zu kritisieren. Wer sich also gut protestantisch auf das, was geschrieben steht, konzentriert, der wird an einem über aus anregenden und sehr gut lesbaren Buch seine Freude haben.

Tobias Specker SJ


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