Halík, Tomáš: Geduld mit Gott

Leiden und Geduld in Zeiten des Glaubens

Freiburg: Herder 2010 257. S. Br. 14,95.


Der Autor lebt in einer der atheisierenden Kulturen Europas: Tschechien. Solche sind inmitten des einst "christentümlichen Europas" in den letzten Jahrhunderten aufgekommen. Ostdeutschland gehört dazu, ebenso Estland. Natürlich spielte die aggressive Religions- und Kirchenvernichtungspolitik des totalitären Kommunismus mit. Aber dieser hatte Wegbereiter: den Nationalismus, den liberalen Kulturprotestantismus, eine aggressive Gegenreformation der katholischen Habsburger, oder in Tschechien den aus heutiger Sicht unseligen Kampf gegen Jan Hus. Viel zu oft hatte sich politische Macht mit Religion verbündet. Solche Macht und die von ihr erzwungene Religion kollabierten gemeinsam im Namen vermeintlicher Freiheit.


Was aber machen heute jene Christen in Tschechien, denen das Evangelium anvertraut ist, damit sie es verkünden, gelegen oder ungelegen? Tomáš Halík kennt zumindest das kommunistische Regime aus eigener Erfahrung: Er arbeitete offiziell die längste Zeit als Psychotherapeut. Zugleich war er katholischer Priester im Untergrund. Er kennt seine atheistischen Zeitgenossen. Mit klarem Blick beschreibt er deren Vielfalt. Als Anwalt des ihm als Gottesmann anvertrauten Evangeliums hat er das, was "Mission" heute braucht: Einfühlungsvermögen und Respekt. Er sieht auch große Ähnlichkeiten zwischen jenen, die glauben und den anderen, denen diese Gnade nicht gegeben ist. Wie die orthodoxe Theologie traut er der selbstsicheren Gottesrede wenig, der "apophatischen Behutsamkeit" weit mehr: Von den Atheisten lernt er, daß Gott oft weit mehr abwesend, verborgen, eben "unaussprechlich" und im Dunkel ist. Er hält es im Gespräch mit Atheisten für wenig hilfreich, wenn Glaubende vor allem im wachsenden und lautstarken fundamentalistischen Lager zu viel wissend über Gott daherreden.


Allerdings übt Halík auch an den Atheisten überraschende empathische Kritik. Zu schnell seien sie sich sicher, daß es Gott nicht gebe, daß Gott tot sei. Bei ihrer skeptischen Suche nach der Wahrheit würden sie zu schnell mit der Suche fertig sein und ungeduldig aufgeben. Er rät den Atheisten eindringlich, Geduld mit Gott zu haben. Sonst bleiben sie auf einer nicht zu Ende gesprochenen Wahrheit sitzen. Und Halbwahrheiten schaden mehr als sie dem Leben dienen.


Diesen seinen Ratschlag, der auch den Buchtitel abgab, macht er bildhaft fest an der Geschichte des Zöllners Zachäus (vgl. Lk 19, 1-10). Jesus entdeckt den am Rand des Geschehens scheu auf dem Baum hinter Blättern verborgen Sitzenden. Er redet den Zweifler und Suchenden mit seinem Namen an und geht in einer überraschenden Begegnung eine kleine Wegstrecke mit. Das Ergebnis ist nicht das, was sich viele Missionsaktivitäten schrumpfender Kirchen in Europa erhoffen: Commitment, Engagement, Mitgliedschaft, Nachfolge. Das Evangelium erzählt nicht davon, daß er Jünger wird. Wohl aber verändert sich in der absichtslosen Begegnung das Leben des vom Baum herabgestiegenen Gastgebers.


Halík schaut nicht nur empathisch auf die vielgestaltigen Atheisten und Atheisierenden. Er zieht auch für die Glaubenden Lehren: "Der suchende Glaube kann … im schmerzlichen, leidenschaftlichen, protestierenden Atheismus seinen Bruder erkennen. Auch wir bleiben manchmal im Schmerz unbeantworteter Fragen vor dem Geheimnis des Bösen stehen, auch unser Glaube erlaubt uns nicht, im Frieden endgültiger Antworten zu ruhen, sollte die Antwort der billige Trost des 'religiösen Opiums' oder das stoische Akzeptieren der Sinnlosigkeit der Welt sein … Diesen Atheismus - den leidenschaftlichen Protest-Atheismus - können wir nicht anders besiegen, als daß wir ihn umarmen" (141). - "Ein reifer Glaube ist ein geduldiges Ausharren in der Nacht des Geheimnisses" (ebd.): So weist Halík suchenden Zeitgenossinnen und Zeitgenossen einen Weg zwischen der Skylla fundamentalistischer Selbstgewißheit und der Charybdis der nicht zu Ende gesprochenen Wahrheit vieler Atheisten. Dies ist nicht nur ein Buch für atheistische Kulturen, sondern auch für moderne skeptische Gottsucher.


Halíks denkerisch anspruchsvolles und zugleich meditativ-anregendes Buch ist wie theologisch feinfühliges Florett. Es wird vielen Nachdenklichen und Suchenden, Zweiflern und Verzweiflern überraschende Wege eröffnen. Freilich, manche, die sich mit dem Geheimnis Gottes schwer tun, werden nicht über das intellektuelle Ringen vorankommen, sondern auf den bewährten anderen Wegen "der Geduld angesichts der Abwesenheit Gottes: es sind dies Glaube, Hoffnung und Liebe".


Das gute Buch hätte nicht verloren, hätte der Autor der Versuchung widerstanden, Überlegungen (wie über die Rolle der Medien), die nicht unmittelbar mit der Zachäusgeschichte und den Atheisten zu tun haben, ins Buch zu zwängen. Es wäre schade, würde manch ein Leser den Eindruck haben, daß im letzten Drittel nun mitpublizierte Beiträge kommen, weil er dann den im Schlußteil des Buches doch wiederkehrenden Zachäus nicht zu Ende begleiten würde.

Paul M. Zulehner


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