Schwank, Benedikt: Er führte mich ins Weite.

Wie ich das 20. Jahrhundert erlebte.

St. Ottilien: Eos 2011. 336 S. Br. 19,80.


In erster Linie versteht er sich bis heute als Mönch, erst dann als Gelehrter: Benedikt Schwank OSB, 1923 geboren (Taufname Hans), 1946 in die Erzabtei Beuron eingetreten, Professor für Neues Testament an verschiedenen Hochschulen und jahrzehntelanger Schriftleiter der benediktinischen Monatszeitschrift "Erbe und Auftrag". In diesem Buch blickt er nach bald 65 Ordensjahren auf sein Leben zurück - sehr subjektiv, spannend und flüssig geschrieben: "Diese Erinnerungen sollen auch zeigen, wie ich als Mönch des 20. Jahrhunderts die Beständigkeit in meiner Gemeinschaft erlebt habe - und wie diese Gemeinschaft mir, nicht nur räumlich, einen festen Standort gegeben hat. Auch geistig wurde der Blick weit" (8). Davon zeugen 23 Kapitel, in denen es nicht um objektive Geschichtsschreibung, sondern um Lebens- und Glaubenserfahrungen eines Mannes geht, der sein Leben ganz der Bibel und ihrer Erforschung gewidmet hat.


Fast die Hälfte nehmen die ersten elf Kapitel bis zum Ordenseintritt ein (11-164): Kindheit und Jugend in Karlsruhe, beide Eltern Ärzte (die Mutter gab den Beruf mit dem ersten Kind auf), kirchlich sozialisiert, als es schon nicht mehr "in" war, Abitur (Februar 1941) und Reichsarbeitsdienst, im Sommersemester 1941 erste Vorlesungen in Biologie an der Technischen Hochschule Karlsruhe - und dann die Einberufung in die Wehrmacht mit zwei Fronteinsätzen in Rußland, unterbrochen von schweren Verwundungen. Anders als der jüngere Bruder Bernhard, der im April 1945 gefallen ist, überlebt Hans den Krieg. Auch der Vater, während des Kriegs Truppenarzt, kehrt aus französischer Gefangenschaft heim.


Im Frühjahr 1943 hat Schwank zum ersten Mal etwas von Konzentrationslagern mitbekommen (vgl. 127). Eine andere Erkenntnis: "Im Krieg fing das zu wachsen an, was wir heute ökumenische Bewegung nennen" (136).


Zum ersten Mal war der Autor 1929 als Kind in Beuron (vgl. 25-27). Damals stand das Kloster mit über 300 Mönchen unter Erzabt Raphael Walzer in voller Blüte, heute sind es beträchtlich weniger: Bei der letzten Abtswahl waren es "nur noch 64 Stimmberechtigte. Das ist sicher kein Aussterbe-Etat, aber auch nicht mehr der große Konvent von über 200 Mönchen, in den ich nach dem Krieg eingetreten war" (310). Studien führen den jungen Mönch nach Maria Laach und Rom (Sant'Anselmo). Nach der Priesterweihe 1952 wird er wieder nach Rom geschickt, ans Päpstliche Bibelinstitut, um später zuhause an der ordenseigenen Hochschule Neues Testament zu dozieren. Unter seinen Professoren waren die späteren Kardinäle Augustin Bea SJ und Carlo Maria Martini SJ.


Eine Reise bzw. "Karawane" des Bibelinstituts ins Heilige Land - mit vatikanischem Paß übrigens, weil Deutsche damals (1954) von Israel noch kein Einreisevisum erhielten (vgl. 178 f.) - legte den Grundstein für spätere Reiseführungen (Israel, Syrien, Jordanien, Zypern, Tunesien, Griechenland, Türkei, Albanien usw.), von 1971 bis 1980 in Eigenregie durchgeführt, oft unter abenteuerlichen Umständen.


Nach 13jähriger Lehrtätigkeit in Beuron schließt die dortige Hochschule mit Sommersemester 1968. Es gibt zwei Angebote von theologischen Fakultäten: Rom und Eichstätt. Aber es klopft auch Franz von Tattenbach SJ, der Rektor der Jesuitenhochschule in Pullach, an. Schwank nimmt dieses Angebot an und macht 1971 auch den Umzug der Hochschule nach München mit. Dort lernt er Karl Rahner SJ kennen (vgl. 222 f.). Als parallel zu ihm ein jüngerer Jesuit Neues Testament zu lehren beginnt und er damit nicht mehr voll ausgelastet ist, kommt für Schwank von 1975 bis 1991 eine Lehrtätigkeit an der Dormitio Abtei in Jerusalem in dem von Laurentius Klein OSB eröffneten "Studienjahr" dazu. Bis 2002, also bis zum 80. Lebensjahr, bleibt er den Jesuiten in München treu.


Die Arbeit an der Einheitsübersetzung und an den Loccumer Richtlinien, die Teilnahme an den internationalen Treffen der Gesellschaft für Neutestamentliche Studien (SNTS) und andere Fachtagungen weiten - wie die Reisen - seinen Horizont, der mit zunehmendem Alter und damit aufkommenden Beschwerden kleiner wird, Abschiede erzwingt.


Vielen interessanten Namen und Orten begegnet man in diesem (mit zahlreichen Fotos illustrierten) Buch, Kriegserlebnissen, die das ganze Leben prägten, einer überzeugenden Passion für die Bibel (von der auch die "Beuroner Bibeltage" jahrzehntelang profitieren) - und einer großen Sehnsucht: Sie wurde gestillt, weil auch der benediktinische Lebensrhythmus ins Weite führen kann. Es ist gut, daß es solche Lebensberichte gibt, die man mit Gewinn liest.

Andreas R. Batlogg SJ


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