Gemeindeleitung durch Laien?

Internationale Erfahrungen und Erkenntnisse. Hg. v. Michael Böhnke u. Thomas Schüller.

Regensburg: Pustet 2011. 355 S. Kt. 24,95.


Der offenkundige Mangel an Priestern, aber auch die soziale Mobilität und die religiöse Pluralität moderner Gesellschaften stellen Gemeinden und Kirchenleitungen zunehmend vor schier unlösbare Entscheidungskonflikte (vgl. A. Loretan, 125-151, 136). Sollen und können die Zulassungsbedingungen zur Weihe modifiziert werden oder bietet sich die Zusammenlegung von Pfarreien, wie sie derzeit vielerorts praktiziert wird, als mögliche Lösungsstrategie an? Welche Folgen sind damit verbunden, vor allem dann, wenn die missionarische Perspektive umgekehrt wird und wir eine Antwort auf die Frage suchen müssen, wie die Kirche konkret für die Menschen erreichbar und erfahrbar bleibt (vgl. M. Böhnke, 9-33, 22).


Das Zweite Vatikanische Konzil, das in einen konstruktiven Dialog mit der Welt eintreten wollte und der einzelnen Person als Glied des Volkes Gottes einen wichtigen Stellenwert einräumte, stellt das kirchliche Handeln in den Dienst der Einheit mit Gott und der Menschen untereinander. Es könnte einen Weg zu einer offenen und dynamischen "Sozialgestalt von Kirche" (R. Bucher, 34-57, 54) weisen, die Selbstlosigkeit als Horizont und Kriterium des pastoralen Handelns begreift.


Die Beiträge des vorliegenden Tagungsbandes, der auf ein Forschungsprojekt zu Gemeindeleitung durch Laien nach Canon 517 § 2 CIC/1983 in den Diözesen Aachen und Limburg zurückgeht, versuchen, Religionssoziologie, Pastoraltheologie und Kirchenrecht in einen konstruktiv-kritischen Dialog zu bringen. Zugleich soll die rein mitteleuropäische Perspektive durch eine gezielte Einbeziehung von Beiträgen aus Asien, Afrika und Lateinamerika geweitet werden. Historisch gesehen hat die Beteiligung von Laien an der Leitung ihren Ursprung vielfach in Basisgemeinden des Südens - vgl. dazu v. a. den Beitrag zur pastoralen Erneuerung und Inkulturation der Kirche in Kinshasa/Kongo (M. Moerschbacher, 152-172). Hier liegt der Fokus aber klar auf einem interkulturellen Lernprozeß. Die unterschiedlichen Kontexte - etwa die Bedeutung von Ordensfrauen und die Herausbildung eines differenzierten Modells von Pastoral Life Coordinators in den USA (vgl. B. Froehle, 71-114) oder der Schulen in Australien (vgl. D. Ranson, 197-225) - mit ihren spezifischen Möglichkeiten und Grenzen können helfen, den Blick für die eigene Situation zu schärfen und konkrete Anregungen zu gewinnen. Schließlich verfolgt der Band auch das Ziel, den Dialog zwischen der wissenschaftlichen Theologie und der pastoralen Praxis zu beleben.


Von besonderem Interesse sind in diesem Zusammenhang Hadwig Müllers Erfahrungen und Reflexionen zu dem in Poitiers/ Frankreich (vgl. 173-196) eingeschlagenen Weg, gestützt auf can. 516 § 2 CIC/1983 nicht nur einen Mangel zu verwalten, sondern konstruktiv neue Möglichkeiten für eine Kirche vor Ort auszuloten. Die Pastoralteams bestehen aus fünf Personen - zwei gewählten, dem Koordinator und einem Verantwortlichen für die materiellen Belange, sowie drei ernannten, die für das lebendige Zeugnis, das Gebet und den Dienst am Nächsten Sorge tragen sollen. Das dabei entstehende komplexe Beziehungs- und Kommunikationsgeflecht läßt sich nicht einfach in Formeln oder Rollen einpassen, es erfordert Offenheit und Authentizität, aber auch Mut und Gelassenheit aller Beteiligten.


Die Beiträge machen deutlich, daß es eine (unaufhebbare?) Spannung zwischen Recht und pastoraler Praxis gibt. Das Zusammenspiel zwischen Weiheamt und Jurisdiktionsgewalt bzw. zwischen Leitungs- und Handlungsvollmacht (vgl. Th. Schüller, 226-251, 230) sind nach Auffassung mehrerer Autoren nicht hinreichend geklärt. Das macht Kommunikation mitunter schwierig und verdeckt allzuoft legitime Forderungen von Frauen, angemessen an der Leitung beteiligt zu werden. Da sich die Beiträge weitgehend auf die Auswertung von Erfahrungen stützen, kommen systematisch-ekklesiologische Reflexionen zur Frage der Stellung von Laien in der Gemeindeleitung, von einzelnen Anmerkungen abgesehen, tendenziell zu kurz. Der Band bietet einen guten Überblick über aktuelle Debatten und kann Anregungen für kreatives Engagement geben.

Paul Schroffner SJ


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