Schwens-Harrant, Brigitte - Seip, Jörg: Der geplünderte Tempel.

Ein Dialog.

Wien: Klever 2012. 144 S. Br. 16,90.


Ob Werke, die sich rein im Profanen bewegen, zeitdiagnostisch betrachtet nicht ergiebiger sind, wäre zumindest eine Überlegung wert. Die diversen Spielarten theologisch veranlaßter Auseinandersetzung mit Literatur indes konvergieren darin, daß sie ihr Erkenntnisinteresse auf explizit religiös besetzte Themen und Motive einhegen. Auch in dem Buch, das die österreichische Literaturkritikerin und -wissenschaftlerin Brigitte Schwens-Harrant gemeinsam mit dem Bonner Pastoraltheologen Jörg Seip vorlegt, ist dies der Fall - freilich nicht ohne eine gewichtige Akzentverlagerung. Beide legen Widerspruch ein gegen unterschwellige Annahmen, als ob es sich bei literarischen Texten um (gar instrumentalisierbare) Illustrationen "einer längst formatierten Bewegung" handle. Stattdessen heben sie auf deren Selbstand mit inhärentem "Störpotential" ab.


Die Betreiber der Website ‹literatur-religion. net› haben kein Kompendium im Sinn, geschweige denn einen Leitfaden, sondern sie werben exemplarisch für ihre Position.


Jeder hat zwei eigene Aufsätze beigesteuert, Schwens-Harrant über religiöse Tendenzen der deutschsprachigen Gegenwartsprosa, während Seip sich auf die Arbeit am Begriff und seine Resonanzräume konzentriert. Einleitend kommt ein langer "Dialog" zur "Kartographie theologisch-literaturwissenschaftlicher Praktiken" hinzu, dessen Überschrift dem gesamten Band seinen Titel gegeben hat und darauf anspielt, daß auch das literarische Genre des "heiligen Texts" niemals "unberührt" von Lektüren bleibt. All dies wird ebenso wissensgesättigt wie reich an Aspekten vorgebracht. Man liest die Beiträge daher mit Gewinn, was einschließt, daß sie nicht nur zum Mit-, sondern auch zum Weiterdenken anregen.


Um jene "heiligen Texte", ihre "Repräsentation" und "Inszenierung" insbesondere geht es Seip. Bibel wie gottesdienstlicher Verkündigung spricht er Teilhabe an der spezifischen Produktivität von Literatur zu, auf mehreren Ebenen "Heterotopie" zu verkörpern, einen "Anders-Ort". Allgegenwärtig als Wegweiser in seiner Argumentation ist Michel Foucault. Ihr zentrales Anliegen besteht darin, von einer Theorie der "Fiktionalität" her - die, auf Lyrik bezogen, übrigens gewisse Probleme aufwürfe! - bei der Weitergabe "heiliger Texte" für jenes "Denken der Schwellen" zu sensibilisieren, das "Überschreitungen ahnbar" werden läßt und somit der Versuchung "exklusiver Identitätsbildung" mit starren Grenzen zu wehren vermag.


"Das literarische Verfahren macht den Unterschied": Schwens-Harrants Aufforderung an die Theologen, "Sprache" und "Formen" in den Blick zu nehmen, statt ihn umstandslos "auf die Passung mit bzw. Abweichung von" religiösen Lehren und Inhalten zu richten, liegt ihrem eigenen Umgang mit den behandelten Erzähltexten zugrunde und bestätigt anschaulich dessen Vorzüge. Wenn es einmal heißt, "die Behauptung und Frage nach dem verloren gegangenen Geheimnisvollen des christlichen Glaubens" sei "ein roter Faden, der sich durch einige Werke der letzten Jahre zieht", verweist sie zusätzlich auf das Potential gerade von Literatur, Fragestellungen zu antizipieren und Debatten auch jenseits des öffentlichen mainstreams zu befördern.


Am Ende ihres reizvollen "Dialogs" erinnern die Verfasser mit Recht an den "Freiraum der Literatur". Umfassend verstanden macht dieser sich nicht zuletzt insofern bemerkbar, als das real existierende Chaos ihrer Einzelfälle jeden Versuch generalisierender Bemächtigung notorisch unterläuft - zum Glück. Mit einem schätzenswerten deutschen Lyriker möchte man demnach allen theologischen "Freunden" der Literatur zurufen, beständig "ins Offene" zu treten, um sich aufmerksam, auch überraschungsbereit, der Vielfalt kriteriologisch wohl begründbarer Möglichkeiten des an Eigensinn so fruchtbaren Mediums auszusetzen, statt in Theorie und Praxis auf nur eine vermeintlich zulässige Lösung zu pochen. Dann erst denkt man ästhetisch in des Wortes unverkürztem Anspruch.

Hans-Rüdiger Schwab


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