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Stephan Ernst

Den Menschen verbessern?

Enhancement aus theologisch-ethischer Sicht

Der Wunsch des Menschen, sich selbst und seine ihm von der Natur gegebenen Fähigkeiten zu entfalten und zu verbessern, ist vermutlich so alt wie der Mensch selbst. Für Arnold Gehlen hat er in der Grundverfassung des Menschen seine Wurzel. Als biologisches "Mängelwesen" sei der Mensch dabei auf Technik angewiesen. Nur so könne er sich der Natur gegenüber behaupten1. Technik sichere gegen die unberechenbaren und ängstigenden Gewalten der Natur, sie entlaste von harter Arbeit, sie schaffe Wohlstand und Bequemlichkeit. Mit Hilfe der Technik lassen sich enorme Effektivitätssteigerungen erzielen, die es dem Menschen erlauben, seine Kräfte zu anderem, selbstbestimmtem und selbstverwirklichendem Tun einzusetzen, etwa zu Aktivitäten der Kunst, des Spiels oder der Philosophie.


Es wundert daher nicht, dass die fortschreitende und vor allem seit dem 19. Jahrhundert sich beschleunigende Technisierung der menschlichen Lebenswelt einen Fortschrittsoptimismus hervorgebracht hat, in dem man sich von der Technik eine unaufhörliche Verbesserung der Lebensbedingungen und die Verwirklichung des größten Glücks der größten Zahl versprach. Die Technik weckte immer höhere Erwartungen und ließ dabei die quasi religiöse Hoffnung wachsen, dass sie letztlich alles Leid und alle Not der Menschen bewältigen und beseitigen könne. Eine Moralisierung des technischen Fortschritts war die Folge, die sich im sogenannten technologischen Imperativ zusammenfassen lässt, wonach alles, was gemacht werden kann, auch gemacht werden soll2.


In der Gegenwart spielen ähnliche Vorstellungen in der Diskussion um das sogenannte "Enhancement" eine Rolle. Gemeint sind damit alle - therapeutisch nicht indizierten - Bemühungen, den Menschen selbst zu verbessern, das heißt seine gegebenen körperlichen, geistigen und emotionalen Fähigkeiten, sein Aussehen und seine Intelligenz, seinen Charakter und - als Vision - sogar seine Moralität durch medizinisch-technische, biotechnologische oder pharmakologische Eingriffe zu optimieren. Das Spektrum der Wege, auf denen dies geschehen soll, reicht dabei vom Anti-Aging durch die Verwendung hautstraffender Präparate oder schönheitschirurgischer Eingriffe bis hin zur Idee, Verbindungen von menschlichem Gehirn und digitalen Maschinen bzw. Cyborgs zu schaffen. Es umfasst Maßnahmen des Dopings im Sport, aber auch die Verbesserung des Erkenntnis-, Denk- und Konzentrationsvermögens durch Substanzen wie Donepezil oder Ritalin sowie die Verbesserung unseres Gefühlslebens durch Antidepressiva, durch Serotonin und Prozak sowie durch das "Kuschelhormon" Oxytocin. Und sie umfasst schließlich auch die Vorstellung, die menschlichen Fähigkeiten bereits durch Eingriffe in die Genstruktur der Keimbahnzellen zu optimieren, so dass damit nicht nur das jeweilige Individuum selbst, sondern zugleich all seine Nachfahren von dieser Behandlung profitieren würden.


In der ethischen Bewertung solcher Maßnahmen reicht das Spektrum von grundsätzlicher Ablehnung als unnatürlich über die skeptische Position von Jürgen Habermas3 und die eher befürwortende Position Peter Sloterdijks4 bis hin zu umfassenden Zukunftsvisionen des Trans- bzw. des Post- oder Metahumanismus5, in denen es um eine die biologische Evolution fortführende technisch bewerkstelligte Weiterentwicklung des Menschen über die Grenzen der eigenen Art hinaus geht.


Nicht nur angesichts solcher eher als science fiction anmutender Visionen, sondern auch im Hinblick auf faktisch bereits bestehende Möglichkeiten des Enhancements sollen im Folgenden aus theologisch-ethischer Sicht Überlegungen zur Frage nach möglichen Grenzen des Verantwortbaren und deren Begründung angestellt werden. In einem ersten Schritt sollen zunächst einige Argumente genannt werden, die sich für eine ethische Grenzziehung nicht als geeignet erweisen. Es folgen - in einem zweiten Schritt - grundsätzliche Überlegungen zu einem angemessenen Kriterium ethischer Bewertungen, auf dessen Grundlage dann - in einem dritten Schritt - Hinweise auf ethisch problematische Aspekte des Enhancements in verschiedenen Anwendungsfeldern gegeben werden. Dabei kann es sich nicht um mehr als um bloße "Hinweise" handeln, weil eine ausgearbeitete Durchführung der ethischen Bewertung nur in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Experten in Medizin, Recht, Psychologie und Gesellschaftswissenschaft möglich ist. Der ethische Begründungsansatz kann jedoch deutlich werden. Eine kurze theologische Bemerkung zur Bedeutung des christlichen Glaubens für dieses Problemfeld soll den Gedankengang abschließen.


Unzureichende Argumente für eine Ablehnung


Gegen die tatsächlich unternommenen oder auch nur für die Zukunft geplanten Versuche, den Menschen auch ohne medizinische Indikation und ohne therapeutisches Ziel zu verbessern, ist zunächst eine Reihe von Einwänden denkbar, die sich jedoch bei näherer Betrachtung als problematisch und unhaltbar erweisen.


So könnte - gerade von Seiten einer theologischen Ethik - ein erstes Argument lauten, der Mensch sei doch, wie die Wirklichkeit der Welt im Ganzen, von Gott geschaffen und deshalb gut. So werde bereits in der ersten Schöpfungserzählung der Bibel davon gesprochen, dass Gott selbst nach jedem einzelnen Schöpfungstag sein Werk gutheißt. Zwar sei es richtig, dass das Schöpfungswerk des sechsten Tages, nämlich der Mensch, nicht ausdrücklich als gut bewertet wird. Dennoch werde abschließend die Schöpfung im Ganzen - und damit auch der Mensch - als "sehr gut" gepriesen. Ausgehend von einer solchen Deutung der Welt als Schöpfung Gottes, die sich in der Aussage der theologischen Tradition fortsetzt, alles Geschaffene sei als von Gott Geschaffenes gut, wird dann argumentiert, dass Versuche, den Menschen verbessern zu wollen, gegen die Schöpfungsordnung und damit gegen den Plan und gegen den Willen des Schöpfers verstoßen. Das Vorhaben, nicht nur Krankheiten und Gebrechen des Menschen zu heilen und zu lindern, im Übrigen aber die Endlichkeit und Unvollkommenheit anzunehmen, sondern darüber hinaus den Menschen auch verbessern und ihn sogar über sein ihm vorgegebenes Wesen hinaus weiterentwickeln zu wollen, zeige eine Unzufriedenheit mit dem Schöpfer und entspringe dem hybriden Wunsch, sich selbst als Schöpfer des Menschen zu verstehen und zu betätigen.


Gegen eine solche Position lässt sich jedoch zunächst geltend machen, dass - gerade auch biblisch gesehen - der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen ist und ihm damit die Verantwortung für die Gestaltung der Welt aufgegeben ist. Warum aber sollte es dann - und dies in grundsätzlicher Weise - unverantwortlich sein, dass der Mensch auch sich selbst durch künstliche bzw. technische Mittel weiterentwickelt? Der Sinn der Technik besteht doch generell darin, dass wir Menschen unsere begrenzten Fähigkeiten erweitern. Durch Mikroskope und Teleskope haben wir unsere Sehfähigkeit um ein Vielfaches gesteigert, durch Baumaschinen und Kräne unsere Körperkraft gewaltig erhöht, durch Computer unser Gedächtnis und unser Vermögen zur Verarbeitung von Informationen ins Unvorstellbare erweitert. All dies hat unbestreitbar zu einer umfassenden Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen geführt und ist bisher auch von christlicher Seite nie ernsthaft kritisiert worden. Kritisiert wurden lediglich - und dies zunächst vor allem von nichtchristlicher Seite - solche Ausprägungen der Technik, die sich gegen den Menschen selbst, gegen seine Umwelt und seinen Lebensraum zu kehren beginnen. Ob dies aber bei den Projekten des Enhancements ebenso der Fall ist, müsste erst noch aufgewiesen werden.


Ein zweites, ähnliches Argument gegen alle Bemühungen um eine Verbesserung des Menschen lautet, Enhancement sei unnatürlich. Der Mensch sei aufgrund der Evolution und ihren Selektionsmechanismen seiner Umwelt bereits optimal angepasst. Er müsse deshalb, ja er könne nicht einmal verbessert werden. So sei etwa die natürliche Sehfähigkeit des menschlichen Auges den Erfordernissen seiner Lebensvollzüge und seines Überlebens vollkommen angepasst. Das Vorhaben, die Schärfe des Auges auf das Maß eines Adlers zu steigern, mag deshalb zwar ein schöner Traum sein, tatsächlich aber sei es von vornherein für den Menschen nicht lebensdienlich, sondern hinderlich.

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