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Stephan Ernst

Den Menschen verbessern?

Enhancement aus theologisch-ethischer Sicht


Wie sich diese Argumentationsfigur gerade auch im Blick auf Versuche der Verbesserung des Menschen anwenden lässt, soll - bevor wir auf gegenwärtige Formen des Enhancements eingehen - an einem Beispiel aus der Geschichte verdeutlicht werden. Robert Schumann (1810-1856) begann erst im Alter von 20 Jahren seine Ausbildung zum Pianisten. Sein Lehrer, Friedrich Wieck, wollte ihn in drei Jahren zum Virtuosen machen. Schumann versuchte in dieser Zeit, die Beweglichkeit seines rechten Mittelfingers zu erhöhen, und wollte dies nicht nur durch Etüden, sondern auch durch die Belastung des Mittelfingers mit Gegengewichten erreichen. Am 13. Mai 1832 schrieb Schumann in sein Tagebuch: "Der dritte Finger etwas stärker." Am 22. Mai heißt es: "Der dritte Finger scheint wirklich uncorrigible." Und am 14. Juni notiert er: "Der dritte Finger ist vollkommen steif." Wahrscheinlich konnte Schumann diese Folgen nicht voraussehen, so dass man ihm kaum vorwerfen kann, er habe unverantwortlich gehandelt. Wenn jedoch ein Klavierlehrer im Wissen um die möglichen Risiken solche Praktiken empfehlen würde, müsste man schon von Unverantwortlichkeit sprechen.


Hinweise zur ethischen Bewertung konkreter Enhancement-Projekte: Doping


Innerhalb der gegenwärtigen Debatte um die ethische Bewertung einzelner Enhancement-Projekte stehen freilich andere Fragen im Mittelpunkt. Eine der bekanntesten Diskussionen betrifft das Doping im Sport. Gedopt wird dabei nicht nur im professionellen Hochleistungssport, in dem es um viel Geld, Medaillen, (Welt-)Meistertitel und die Ehre der Sportler, ihrer Vereine und ihrer Heimatländer geht, sondern auch in bestimmten Bereichen des Freizeitsports, etwa in Fitness-Studios, bei Marathonläufen oder bei Amateurradrennen.


Aus ethischer Sicht ist die Bewertung solcher Praktiken eindeutig. Es handelt sich um "unlauteren Wettbewerb" und "Betrug". Die Begründung dieser Bewertung besteht - ausgehend von dem gerade entwickelten ethischen Kriterium - darin, dass man durch Doping zwar die Chancen auf einen Sieg für sich selbst erhöhen kann, dabei zugleich aber im Ganzen, also für alle Teilnehmer, die Chancen auf einen Sieg mindert. Man untergräbt die Grundlagen des Wettbewerbs - nämlich "gleiche Bedingungen für alle" - und damit auch den Wert des eigenen Sieges.


Zu dieser grundsätzlichen negativen Beurteilung des Doping kommt hinzu, dass es, trotz der Verbote, die von Sportverbänden vereinbart und erlassen wurden, an einer ausreichenden Doping-Kontrollpraxis mangelt. Ausgehend von der inzwischen realistischen Annahme bzw. offenkundigen Tatsache, dass in bestimmten Sportarten entsprechende Leistungen gar nicht mehr ohne leistungssteigernde Substanzen erbracht werden können, trägt die Praxis einer bloß punktuellen Kontrolle, in der dann auch nur ein Bruchteil der Doping-Fälle aufgedeckt wird, zur Entstehung des Eindrucks bei, dass die Doping-Problematik heruntergespielt, mit Stillschweigen belegt oder toleriert wird. Gerade solche Doppelmoral führt aber dazu, die Glaubwürdigkeit des professionellen Leistungssports insgesamt zu untergraben.


Darüber hinaus besteht für den einzelnen Sportler das Problem, dass er sich dem System des Hochleistungssports und der damit zusammenhängenden Dopingpraxis kaum entziehen kann. Wer in seiner Kindheit und Jugend viel Zeit in den Sport investiert und sich vieles andere versagt hat, wird sich, wenn die Aussicht auf eine Medaille in erreichbare Nähe rückt und zu vermuten ist, dass auch konkurrierende Sportler dopen, nur schwer dem verführerischen Angebot medikamentöser Leistungssteigerung entziehen können10.


Angesichts dessen zu fordern, Doping für alle zu erlauben, mag zunächst als eleganter Ausweg erscheinen. Allerdings ist zu erwarten, dass damit der Wettbewerb und der Versuch, die eigenen Chancen auf einen Sieg mit Dopingmitteln zu erhöhen, keineswegs entschärft und beendet sind. Vielmehr dürfte sich die Gefahr einer Überdosierung und damit der nachhaltigen Schädigung der Gesundheit bzw. der Gefährdung des Lebens der einzelnen Sportler, für die es jetzt schon immer wieder Beispiele gibt, noch erhöhen.


Aber darf der einzelne nicht Raubbau an sich treiben, wenn er will? Darf man nicht, um das Ziel eines Weltmeistertitels zu erreichen, auch Gesundheitsschäden bewusst in Kauf nehmen? Sicher ist es schwierig, hier ein ethisches Verbot zu begründen oder gar ein rechtliches Verbot einzuführen. Allerdings kann zum einen die Frage gestellt werden, ob hier wirkliche Selbstbestimmung im Spiel ist oder der Betreffende dabei einem gesellschaftlichen oder einem dem System des Leistungssports innewohnenden Druck nachgibt. Zum anderen lässt sich - selbst wenn man von einer selbstbestimmten Entscheidung ausgehen kann - , immer noch in aller Deutlichkeit die Mahnung formulieren, dass man auch mögliche spätere Lebensziele im Blick haben und darum so mit sich umgehen sollte, dass man sich diese anderen Ziele nicht unerreichbar macht.


Weitere Bereiche der Verbesserung: Anti-Aging und Neuro-Enhancement


Lassen sich nun auch im Blick auf andere Projekte des Enhancements in ähnlicher Weise unverhältnismäßige oder gar kontraproduktive Folgen festmachen? Ein weiterer repräsentativer Bereich der "Verbesserung" des Menschen stellt das Feld der Anti-Aging-Maßnahmen dar. Dieses reicht von relativ harmlosen Mitteln der Kosmetik-Industrie über die Anwendung von Botox bis hin zu schönheitschirurgischen Korrekturen.


Aus ethischer Sicht lässt sich hierzu keine grundsätzliche und generelle Ablehnung begründen. Im Gegenteil können insbesondere Maßnahmen der ästhetischen und plastischen Chirurgie helfen, die Folgen von Unfällen, aber auch angeborene Merkmale, die sonst mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Identitätskrisen führen, zu korrigieren und zu beseitigen. Hierbei handelt es sich um Maßnahmen, die medizinisch oder psychologisch indiziert sind. Doch auch gegen das Bemühen vieler Menschen, die Zeichen und Auswirkungen des Alterns so lang wie möglich hinauszuzögern, lässt sich aus ethischer Sicht kaum etwas einwenden. Der Wunsch und der Versuch, die Schönheit und Jugend des eigenen Körpers zu erhalten, sind durchaus nachvollziehbar und - wenn man an den Traum vom Jungbrunnen denkt - vermutlich so alt wie die Menschheit selbst.


Problematische Folgen können jedoch dann entstehen, wenn Anti-Aging-Maßnahmen ein solches Maß erreichen, dass die Versuche, die körperliche Schönheit zu erhalten (zum Beispiel durch Lifting), die Betreffenden langfristig gerade entstellen, oder wenn der Alterungsprozess, wenn er dann doch nicht mehr aufzuhalten ist, als unerträglich erfahren wird und zu Verzweiflung führt. Bedenklich wird diese Entwicklung schließlich auch, wenn sie zu einer Art "Morbiditäts-Kompression" führt, dazu also, Gesundheit, Vitalität und Fitness so lange es irgendwie geht, zu erhalten, dann aber den Zeitpunkt des Todes selbst bestimmen zu wollen.


Ähnlich wie bei Sport ist auch in diesem Bereich des Anti-Aging meist nicht der Einzelne allein derjenige, der in freier Selbstbestimmung entscheidet; vielmehr werden gesellschaftlich durch entsprechende medial vermittelte Bilder vom Menschen in der Blüte seiner Jugend und Schönheit faktisch Normen und Ideale vorgegeben und ein Druck erzeugt, diesen zu entsprechen.


Eine solche differenzierte ethische Bewertung kann auch auf weitere Formen der Veränderung des Menschen oder der Steigerung seiner Fähigkeiten, nämlich auf Formen des Neuro-Enhancements, angewendet werden11. Unterscheiden lassen sich hier Möglichkeiten der Verbesserung der Stimmung, der kognitiven Fähigkeiten und des moralischen Verhaltens durch pharmakologische, chirurgische und neurotechnologische Maßnahmen. Auch diese Möglichkeiten können dem einzelnen Menschen durchaus zuträglich sein und zu seinem Glück beitragen. Sie können aber auch, vor allem ab einem bestimmten Maß ihrer Anwendung, unverhältnismäßig oder gar kontraproduktiv und damit ihre Anwendung unverantwortlich werden, und dies selbst unter Ausklammerung der möglichen negativen Nebenwirkungen, die jene Substanzen bzw. Maßnahmen für den davon betroffenen Organismus haben.

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