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Konrad Hilpert

Moraldoktrin oder Moral der Wahrnehmung "im Kontext der Evangelisierung"?

Bemerkungen zur bevorstehenden Bischofssynode

Papst Franziskus hat für 2014 und 2015 eine Vollversammlung der Bischofssynode einberufen, die in zwei Etappen den Evangelisierungsauftrag der Kirche im Hinblick auf die Familie zum Gegenstand haben soll. Der Arbeitsplan sieht vor, dass in der ersten, außerordentlichen Etappe (Oktober 2014) der Sach- und Problemstand erfasst und Zeugnisse und Vorschläge der Bischöfe gesammelt werden, bevor dann im zweiten, ordentlichen Teil (Oktober 2015) konkrete Leitlinien für die Pastoral gesucht werden sollen.


Drei Signale haben der Ankündigung dieses Vorhabens eine für Bischofssynoden unübliche Aufmerksamkeit und weitreichende Erwartungen beschert: erstens das Eingeständnis, dass sich heute auf diesem Feld "bis vor wenigen Jahren noch nie dagewesene Problematiken" abzeichnen; zweitens der Hinweis auf die breite positive Aufnahme, "die in unseren Tagen der Lehre über die göttliche Barmherzigkeit und Zärtlichkeit gegenüber den verwundeten Personen in den geografischen und existenziellen Randgebieten entgegengebracht wird"; und drittens die Einladung an die Teilkirchen, einen Katalog von Fragen zu diesem gesamten Feld zu beantworten, der eine aktive Teilnahme an der Vorbereitung der Synode ermöglichen soll1.


Die Fragen selber - es sind insgesamt 39 - wirken auf Leser, die mit der kirchlichen Sprache nicht vertraut sind, eher umständlich und setzen ganz selbstverständlich eine ungebrochene binnenkirchliche Perspektive voraus - etwa wenn gleich im ersten Punkt nach der wirklichen Kenntnis der Lehren der Bibel und bestimmter Dokumente des Lehramts gefragt wird und dann darüber Auskunft gegeben werden soll, wie "unsere" Gläubigen zum Familienleben nach der Lehre der Kirche herangebildet werden. Formulierungen wie "die Lehre der Kirche" und "Pastoralprogramme" werden ebenso selbstverständlich benutzt wie anspruchsvolle philosophische und theologische Topoi ("Naturrecht", "Hauskirche", "verantwortete Elternschaft") sowie voraussetzungsreiche Interpretamente ("Zusammenleben ad experimentum", "irreguläre Situationen", "Nichtigkeitserklärung", "natürliche Methoden"). Auch scheint nicht immer eindeutig, was der genaue Gegenstand der Frage ist: eine gängige Praxis, eine staatliche Regelung, die von der Bevölkerung akzeptiert wird, die moralische Überzeugung der glaubenden Menschen oder Erfahrungen mit einer Pastoral des Sichkümmerns. Schließlich ließen sich auch Fragen vorstellen, die naheliegen, aber nicht gestellt werden, insbesondere die nach Verletzungen, Schäden und nach bleibendem Vertrauensentzug, die bei Einzelnen oder ganzen Gruppen von Betroffenen durch bestimmte Lehren bzw. die Art des Umgangs bewirkt wurden.


Was aber trotz solcher sprachlichen und methodologischen Unzulänglichkeiten (dazu gehört v. a. die Unbestimmtheit des Verfahrens und die Kürze der zur Verfügung gestellten Zeit) Aufmerksamkeit hervorgerufen hat, sind zwei Dinge: die Tatsache der Befragung als solche und dann deren Ergebnisse.


"Über die Befragung der Gläubigen in Dingen der christlichen Lehre"


Das Instrument der Befragung, angewandt auf moralische Praxis und Urteile, ruft schnell den Einwand auf den Plan, dass die sittliche Güte und die Richtigkeit des Handelns weder durch Mehrheiten noch aus dem Durchschnitt des Verhaltens herausgefunden werden können. Das ist zweifellos eine zutreffende Feststellung, und sie gehört in Gestalt der Unterscheidung von Sein und Sollen und des Vorbehalts gegenüber der sogenannten normativen Kraft des Faktischen zu den Basics jeder Ethik.


Allerdings würde es die Dinge unzulässig vereinfachen und in gewisser Weise karikieren, wenn man das sittliche Handeln und Urteilen für völlig unabhängig von der Welt der Tatsachen halten würde. Zumindest dort und in dem Maße, wie es konkret wird, korrespondiert es mit Wissensständen der Biologie, Psychologie, der Sozialwissenschaften und der philosophischen Auffassung vom Menschen. Und die können durchaus verschieden sein von den Plausibilitäten, in denen ein konkretes Handlungsproblem vor 100, 1000, 1500 oder 2000 Jahren reflektiert und normiert wurde. Auch wenn der empirische Zugang ein grundsätzlich anderer ist als der normative, insofern er auf die gegebenen Sachverhalte blickt und nicht (zuerst) auf das Selbstverständnis, das über die Gegebenheiten hinausgeht und auch den normativen Anspruch in den Blick nimmt, können moralische Urteile, die sich prinzipiell von den Tatsachen frei machen und sich weder um die Entstehungsbedingungen noch um die Folgen der eingeforderten Ideale kümmern, "abheben", das heißt in den Bereich des Irreal-Unwirklichen geraten.


Die primäre Funktion und Aufgabe einer Befragung über moralische Praxis und moralische Urteile ist also gerade nicht - wie in der Illustrierten-Presse andauernd insinuiert - die moralische Legitimation einer von den Standards abweichenden Verhaltensweise, sondern die bessere Wahrnehmung der Realität in ihrer Bedingtheit und daraus folgend die kritische Korrektur jener idealen Ansprüche, die sich verselbstständigt haben, weil sowohl ihre eigene Bedingtheit als auch ihre realen "Kosten" aus dem Blick geraten sind. Das gilt für Ehe und Familie in besonderem Maße, weil es sich bei ihnen evidentermaßen um zentrale Lebensbereiche handelt und weil die zahlreichen normativen Konkretionen in der Theologie- und Kirchengeschichte diesbezüglich in besonderem Maße die Gefahr haben entstehen lassen, die Tradition als sich selbst genügende Quelle der Erkenntnis zu betrachten.


Dass Befragung ein lohnenswerter und unverzichtbarer Weg sein kann, um zu schärferer Erkenntnis von Überzeugungen (wie auch komplementär von falschen Idealen) zu kommen, hat der große, erst vor wenigen Jahren selig gesprochene John Henry Newman († 1890) sogar im Hinblick auf die Glaubenslehre energisch behauptet und in einer ausführlichen Abhandlung "Über die Befragung der Gläubigen in Dingen der christlichen Lehre" (so die Übersetzung von Otto Karrer in der Zeitschrift "Hochland"2) verteidigt.


In einer ganz anderen kirchenpolitischen Umgebung, nämlich der Dogmatisierung der Unbefleckten Empfängnis Mariens, verfasst, betonte die Abhandlung neben der Vergewisserung über den Inhalt der Überlieferung ein anderes zentrales Element der Befragung, nämlich das Gewicht der Überzeugungen der vielen einfachen Gläubigen gegenüber denen, die Leitungsämter innehaben. Auch wenn Newman "Befragung" in einem umfassenderen Sinne verstand als das, was wir heutzutage mit einer empirischen Befragung verbinden, nämlich: sich mit jemandem beraten bzw. einen Rat einholen (engl. "to consult"), sei dies zweifellos ein Begriff, der "Vertrauen und Hochachtung, nicht aber Unterordnung ausdrückt"3. Er enthalte "ebenso die Idee der Untersuchung eines Tatbestands wie die der Anforderung eines Urteils"4.


Politisch geht es um das Phänomen der öffentlichen Meinung; ekklesiologisch darum, dass das Lehren der Kirche sich nicht abtrennt und verselbstständigt gegenüber dem Hören. Immerhin war es ein Papst, der nur wenige Jahre nach der intensiven Erfahrung totalitärer Gesellschaften, in denen die Führer definieren zu dürfen beanspruchten, was geltende Meinung ist und umgekehrt die wirkliche Meinung der Bürger scharf unterdrückten, im Jahre 1950 öffentlich erklärte:


"Die öffentliche Meinung ist die Mitgift jeder normalen Gesellschaft, die sich aus Menschen zusammensetzt […]. Dort, wo überhaupt keine Äußerung der öffentlichen Meinung erscheint, vor allen Dingen dort, wo man feststellen muss, dass sie überhaupt nicht existiert, muss man darin einen Fehler, eine Schwäche, eine Krankheit des gesellschaftlichen Lebens sehen […]"5,


und dann an späterer Stelle derselben Rede nachschob: Auch die katholische Kirche


"ist eine lebendige Körperschaft und es würde etwas in ihrem Leben fehlen, wenn in ihr die öffentliche Meinung mangelte - ein Fehlen, für das die Schuld auf die Hirten sowohl wie die Gläubigen zurückfiele"6.


Man müsse die Leute - so Karl Rahner SJ, der diese Passage von Pius XII. zum Ausgangspunkt einer kleinen Schrift mit dem Titel "Das freie Wort in der Kirche" machte - "auch in der Kirche 'sich einmal ausreden' lassen, will man wirklich die (geistige, seelsorgliche, gesellschaftliche usw.) Situation erkennen"7.

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