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Wunibald Müller

Sexueller Mißbrauch und Kirche



Das Entsetzen bleibt. Gott sei Dank! Das Entsetzen darüber, daß Priester, Männer Gottes, Minderjährige sexuell mißbrauchen. Wir haben uns noch nicht daran gewöhnt, obwohl es schon lange zur bitteren Wahrheit gehört, auch zur Wahrheit der Kirche. Allein, so meine Befürchtung, die Diözesen und die Orden haben noch immer nicht die radikalen Konsequenzen gezogen, die sich aus dieser bitteren und furchtbaren Wahrheit ergeben.


Ich sehe hier davon ab, daß sich über 90 Prozent aller Mißbrauchsfälle außerhalb der Kirche ereignen, im familiären Umfeld vor allem sowie im pädagogischen und medizinischen Bereich, genausowenig wie ich darauf eingehen kann, daß man früher über die Schwere solcher Störungen weniger wußte als heutzutage. Ich will aus psychologischer und psychotherapeutischer Sicht auf einige Aspekte des Themas sexueller Mißbrauch in der Kirche näher eingehen, um damit den Blick dafür zu schärfen, wann sexueller Mißbrauch vorliegt, was dazu beitragen kann, daß jemand andere Personen sexuell mißbraucht, welche Täterprofile man unterscheiden kann und welche Bedeutung der persönlichen psychischen Reife und dem näheren und weiteren Umfeld dabei zukommt.


Wann spricht man von sexuellem Mißbrauch?


Pater Hans, 35 Jahre alt, ist geistlicher Begleiter einer 30jährigen Frau, die von ihrem Mann getrennt lebt. Während der geistlichen Begleitung stirbt die Mutter von P. Hans. Für ihn bedeutet der Tod der Mutter, die in der Nähe des Klosters wohnte, zu der er oft telefonisch Kontakt hatte und die er auch oft besuchen konnte, einen großen Verlust. In seiner Gemeinschaft wird der Tod seiner Mutter zur Kenntnis genommen, es wird eine Messe für sie gelesen, und der eine oder andere fragt ihn, wie es ihm damit gehe. Es gibt niemanden in seiner Gemeinschaft, mit dem er sich wirklich über den Verlust austauschen kann. Er ist traurig und fühlt sich allein und alleingelassen. Die junge Frau, die er begleitet, spürt seine Trauer und Einsamkeit. Sie bietet ihm ihre Hilfe an, und er geht darauf ein. Sie treffen sich immer öfter, umarmen sich dabei, streicheln sich und schließlich schlafen sie miteinander. Bei P. Hans führt das kurz darauf zu so starken Schuldgefühlen, daß er sowohl die sexuelle Beziehung als auch die geistliche Begleitung abbricht. Die Frau verläßt die Gegend, und P. Hans hört über 15 Jahre nichts mehr von ihr, bis eines Tages der Leiter des Klosters ihn zu einem Gespräch bittet und ihm mitteilt, die besagte Frau habe Anzeige gegen P. Hans wegen sexuellen Mißbrauchs erstattet. Während dieser vergangenen 15 Jahre hatte P. Hans seinen Dienst im Kloster und in der Seelsorge zur vollen Zufriedenheit seiner Oberen und der Menschen, für die er da war, ausgeübt.

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