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Andreas R. Batlogg SJ

Ist das Zweite Vatikanum Verhandlungsmasse?



In Abwandlung der zum geflügelten Wort avancierten Standardfrage des deutschen Journalisten und Fernsehmoderators Robert Lembke in der populären Sendung "Was bin ich? - Heiteres Beruferaten“ ist man versucht, im Rückblick auf die letzten neun Monate zu fragen: Wieviel Konzil darf’s denn sein? Drei Viertel vielleicht? Die Hälfte? Oder nur ein Drittel? Ist das letzte Konzil "Verhandlungsmasse“? Darf man um einzelne der 16 zwischen 1962 und 1965 verabschiedeten Texte feilschen wie im Basar? Kann man etwa zum Beispiel die Erklärung über die christliche Erziehung anerkennen, aber die Erklärungen über die Religionsfreiheit "Dignitatis humanae“ und über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen "Nostra aetate“, das Ökumenismusdekret "Unitatis Redintegratio“ oder die Pastoralkonstitution "Gaudium et spes“ dezidiert ablehnen? Man darf zwar nicht, aber man kann - so jedenfalls die öffentliche Wahrnehmung.


Am 24. Januar 2009 gab der Vatikan die drei Tage vorher per Dekret der Kongregation für die Bischöfe erfolgte Aufhebung der Exkommunikation der vier schismatischen Bischöfe der traditionalistischen Piusbruderschaft bekannt. Am 4. Februar sah sich das Staatssekretariat aufgrund weltweiter Proteste zur Veröffentlichung einer "Note“ gezwungen, nachdem im Umfeld der ohne Vorbedingungen erfolgten Versöhnungsgeste des Papstes - die ein veritables Kommunikationsdebakel im Vatikan offenbarte - bekannt wurde, daß einer der vier Rehabilitierten ein notorischer Holocaust- Leugner ist. Die Aufhebung der Exkommunikation bedeute nur die Befreiung von einer schweren Kirchenstrafe, hieß es darin; sie habe "nicht die rechtliche Situation ... verändert“. Und weiter: "Für eine künftige Anerkennung der Bruderschaft St. Pius X. ist die volle Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils und des Lehramtes der Päpste Johannes XXIII., Paul VI., Johannes Paul I., Johannes Paul II. sowie Benedikt XVI. unerläßliche Bedingung.“ Schließlich wurden Richard Williamsons Äußerungen zum Holocaust als "absolut inakzeptabel“ bezeichnet - nachdem der Papst am 28. Januar in einer Ansprache bereits gesagt hatte, daß "die Shoah für alle eine Mahnung gegen das Vergessen, gegen die Leugnung oder die Verharmlosung“ bleibe.


Nach anhaltender Kritik unterzeichnete der Papst am 10. März einen ungewöhnlich persönlich gehaltenen Brief an alle katholischen Bischöfe. Darin erläuterte er seine Vorgehensweise. Zugleich kündigte er an, daß die Kommission "Ecclesia Dei“ künftig der Kongregation für die Glaubenslehre angegliedert werde. Damit sei deutlich gemacht, daß es Gespräche über "doktrinelle Fragen“ geben müsse, bis zu deren Klärung "die Bruderschaft keinen kanonischen Status in der Kirche“ besitzt. Auch hier liest man, "daß die jetzt zu behandelnden Probleme wesentlich doktrineller Natur sind“ und "vor allem die Annahme des II. Vatikanischen Konzils und des nach-

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