Matthias Sellmann

Gott ist jung! Kirche auch?

Trends und Projekte in jugendpastoraler Theorie und Praxis

Seit jeher gehört das Unternehmen Jugendpastoral zu den herausforderndsten Kommunikationssituationen des Glaubens. Schon immer war es für die Älteren prekär, ihre Einsichten über das Leben, die Werte und den Glauben an die weiterzugeben, die ihnen als Jüngere gegenüberstehen. Das weiß jeder Großvater, jedes Elternpaar und jede Lehrerin. Junge Leute sehen das Leben oft ganz anders als die ihnen Vorhergehenden - und das ist ja insofern auch ihr gutes Recht, als sie mit diesem Leben rein quantitativ mehr zu tun haben werden als die Älteren. Was in ihrer Lebenszeit Sinn sein soll, was tragend sein soll, was selber wieder weitergebungswürdig sein soll - das entscheiden sie nach eigener Prüfung.


Darum war Jugendpastoral immer prekär. Die Riskanz und die weitgehende Ergebnisoffenheit dieses kommunikativen Prozesses sind aber in unserer Gegenwart noch einmal enorm gestiegen. Der Handlungsort Jugendpastoral bietet wie wenig andere eine Miniatur des sich gesellschaftlich vollziehenden Umbruchs einer volkskirchlichen Gesamtsituation hin zu einer neuen Form. Dieser wird von manchen Autoren als epochaler Einschnitt beschrieben, als Zäsur der Kirchengeschichte mit Verlusten, aber auch mit Chancen1. Wir sind heute Zeugen, wie die Kirche einen Ortswechsel vorzunehmen hat. Noch vor zehn, 20 Jahren hatte die Kirche gesellschaftlich durchaus wirksame Macht - sei es Definitionsmacht über Ethik, Moral und Sitte, sei es Regelungsmacht über ihre Mitglieder, Steuerungsmacht über gesellschaftliche Prozesse oder Anbietermacht auf den Feldern der Ethik, des Wohlfahrtsstaates und des Bildungssystems.


Diese Macht erodiert heute. Kirche kann immer weniger mitbestimmen, wie sie von außen gesehen wird. Im Sinn des Evangeliums kann man durchaus sagen: Sie wird ärmer und ohnmächtiger. Sie muß sich zunehmend fremden Logiken beugen - so zum Beispiel der 90-Sekundenlogik des Mediensystems, der Ganztagslogik der weiterführenden Schule, der Kennzifferlogik heutiger Sozialarbeit oder der Liberalitätslogik des modernen Verfassungsstaates. Die Kirche ist heute auf einen Markt geworfen. Andere schaffen jetzt die Situationen, in denen sie sich bewähren muß.


Man muß diese Entwicklung nicht prinzipiell beklagen. Ja, man darf sogar davon ausgehen, daß die Glaubwürdigkeit religiöser Kommunikation steigt, wenn sie nicht dauernd unter dem Verdacht steht, auch noch jede Menge sekundärer Neben-

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