Matthias Sellmann

Gott ist jung! Kirche auch?

Trends und Projekte in jugendpastoraler Theorie und Praxis


Die Jugendpastoral im gesamten - als pfarrliche wie auch als gemeindliche - hat Anteil an der generell bestehenden Milieuverengung der katholischen Kirche in Deutschland. Diakonisch ausformuliert heißt das: Sie wird im wesentlichen getragen und genutzt von jenen jungen Leuten, die einen eher überdurchschnittlichen Zugang zu ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital haben. Wenn man einmal den berühmten Kamm hernehmen und über ihn scheren darf: Es geht in der Jugendpastoral eher gebildet, eher anständig, eher gut situiert, eher perspektivreich, eher beschützt und eher unterstützt zu als in anderen Bereichen jugendlicher Lebenswelten. Wie die BDKJ/Misereor-Studie U27 gezeigt hat, fehlen in den Jugendverbänden - und wohl auch in der Pfarrjugend - die Milieutendenzen der Konsum-Materialisten und der Hedonisten. Dies wäre allein schon bedenkenswert, treten doch Verbände wie Kolpingjugend oder Christliche Arbeiterjugend (CAJ) mit der charismatischen Gründungsidee auf den Plan, gerade im Feld von Handwerker- und Arbeiterjugendlichen beheimatet zu sein. Aber es kommt gemäß der Studie sogar noch schlimmer: Denn offenbar reproduzieren die Jugendverbände in sich selber die Strukturen sozialer Ungleichheit, die in der gesamten Gesellschaft herrschen. Die sozialen Abstoßungsbewegungen, die Distinktionen und Aversionen gehen innerhalb der Verbände offenbar in ähnliche Richtungen wie gesamtgesellschaftlich24.


Zwei Projekte sollen vorgestellt werden, die vor diesem Hintergrund neues diakonisches Potential offenbaren. Das Projekt "Stark ohne Gewalt" (‹www.starkohnegewalt. de›) beeindruckt als Kooperation einer internationalen Künstlergruppe (Gen Rosso), einer geistlichen Bewegung (Fokolarbewegung e.V.), verschiedener Wissenschaftler (darunter der bekannte Kriminologe Christian Pfeiffer), eines politischen Unterstützungsnetzwerks (mit EU und verschiedenen Landespolitikern als Schirmherrn) sowie der Szene der Pädagogen, Schulleiter und Sozialarbeiter als Nutznießern des Projekts für ihre Einrichtungen. Hinter "Stark ohne Gewalt" steht der Verein "Starkmacher e.V." (‹www.starkmacher.eu›), der sich mit der Unterstützung von EU-Förderprogrammen für Gewaltprävention, internationale Lernpartnerschaften, Demokratietrainings und Anti-Diskriminierungsstrategien einsetzt.


Entstanden ist alles aus dem Musical "Streetlight" der internationalen Performance-Artgroup "Gen Rosso". Dieses wurde zunächst als Konzert aufgeführt, doch entstand schnell die Idee, eine aktive Mitarbeit junger Leute an den Aufführungen zu ermöglichen. Das Musical handelt nach einer wahren Begebenheit von einem Bandenkrieg im Chicago der 60er Jahre und zeigt den Kampf eines Bandenmitglieds gegen Gewalt. Dieses Thema ließ sich schnell in den hochaktuellen Diskurs um Gewaltprävention einbringen, so daß das Musical heute als Aktionswoche an Schulen, aber auch in Gefängnissen oder in internationalen Jugendcamps erarbeitet wird. Das Vorgehen ist sehr einfach: Gesangsinteressierte Schülerinnen und Schüler proben mit den Sängern von Gen Rosso, Tanzinteressierte mit den Tänzern; Technikinteressierte arbeiten mit den Profis an Tontechnik und Licht usw. Die ganze Schule wird involviert, und die gesamte Lehrer- und Elternschaft sowie die Freunde der Schüler

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