Matthias Sellmann

Gott ist jung! Kirche auch?

Trends und Projekte in jugendpastoraler Theorie und Praxis

sind dann zum Konzert eingeladen. Über Pressearbeit wird eine enorme Sensibilisierung für das Thema der Gewalt unter jungen Leuten erreicht. Bemerkenswert ist dabei die Zielgruppendefinition des Projekts: Ausgehend von der These, daß Täter und Opfer von Jugendgewalt heute stark im Fokus anderer Aktionsprogramme stehen, konzentriert sich "Stark ohne Gewalt" auf die große Gruppe der passiven Zuschauer von Gewalt. Diese sollen handlungsfähig werden im Erkennen und Auflösen von Gewaltstrukturen. Daß derartige Thematisierungen im Jugendknast, in sozialen Brennpunkten, aber auch in Regelschulen alles andere als harmlos sind, kann man sich denken und zeigt die Erfahrung mit dem Projekt25.


Im Kern ist "Stark ohne Gewalt" somit ein Gewaltpräventionsprojekt einer jugendkulturell arbeitenden Schul- bzw. Sozialpastoral. Es überwindet nicht nur, zumindest partiell, die jugendlichen Distinktionslinien, sondern macht sie selbst zum Thema. Pastoraltheologisch ist bemerkenswert, daß es hier einer geistlichen Bewegung gelingt, ihr spirituelles Motivationspotential mit wissenschaftlicher, politischer und medialer Professionalität, mit Netzwerkmanagement und mit unmittelbarem Anwendungsnutzen zu verknüpfen. Um es mit dem Sprachspiel der Eingangsüberlegungen zu formulieren: Es ist mutig, die geistliche Einsicht in die einheitsstiftende Liebe Gottes - das ist der Grundansatz der Fokolarbewegung - in ihr "Außen" zu halten, also hier: in die Brutalität von Ausgrenzung, Aggression und tiefen psychischen wie auch körperlichen Verletzungen und es damit in enormer Weise zu riskieren. Anderseits entsteht genau hieraus geistliche Autorität am konkreten Ort: Daß es eine Lebensalternative zur Gewalt gibt, wird inmitten und nicht jenseits der Gewalt behauptet, vor allem aber verkörpert.


In ähnlicher Weise diakonisch arbeitet das Projekt "Wo geh'se?" der CAJ im Bistum Essen (‹www.cajessen.de›). Die CAJ besuchte junge Leute in Gemeinden, Schulklassen und Einrichtungen, führte mit ihnen Projekttage durch und drehte mit den Jugendlichen einen Dokumentarfilm über die Lebensziele junger Leute sowie ihre Einschätzung, inwiefern diese in der für sie wahrnehmbaren Gesellschaft wohl erreichbar sind. Dieser Film wurde in Anwesenheit von viel Prominenz im renommierten Essener Kino "Lichtburg" gezeigt. Der Effekt dieser Aufführung lag im Überschreiten sonst üblicher Milieugrenzen. Die CAJ setzt sich speziell für benachteiligte Jugendliche und junge Menschen im Übergang zwischen Schule und Beruf ein, interessiert sich für ihre Perspektiven und will mit ihnen ihre Talente und Handlungspotentiale realisieren. Darum sind in diesem Dokumentarfilm auch überwiegend jene Jüngeren zu sehen, die die Milieukonventionen sonst unsichtbar sein lassen. Es berührt schon an sich, dank der Interviewtechnik des Films in die Gesichter junger Leute zu sehen, von denen man als Angehöriger der gesellschaftlich gut inkludierten Milieus sonst kaum voll angesehen wird - und umgekehrt. Dann aber diese "harten" Jungs und Mädchen ganz ungeschützt von ihren Lebenszielen und -träumen, ihren "Prognosen" und der Einschätzung ihrer Chancen reden zu hören, das wirkt nach.

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