Matthias Sellmann

Gott ist jung! Kirche auch?

Trends und Projekte in jugendpastoraler Theorie und Praxis


Jugendpastoral wird hier insofern zur Helferin weitgehend chancenloser junger Leute, als sie die allen bekannten, aber tabuisierten Exklusionsstrukturen moderner Leistungsgesellschaften im eigentlichen Sinn schamlos offenlegt. Und dies ist insofern doppelt wirksam, als der ganze Film ohne Ressentiment und Schuldzuweisung auskommt, sondern am Ende einfach dazu einlädt, Unterstützungsstrukturen für marginalisierte junge Leute zu schaffen26. Wiederum: Kirche gewinnt an sozialer Zuschreibung von Vertrauen, wo sie nicht von sich her auf Jugendliche zugeht, sondern von den Jugendlichen her sich selber neu erkennt.


An vielen weiteren diakonischen Projekten ließe sich gerade diese Einsicht weiter illustrieren: so etwa an den Freiwilligendiensten der Kirchen, an den sich etablierenden Jugendstiftungen (beispielsweise ‹www.hilfreich-edel-gut.de› im Bistum Essen), an Baucamps wie dem "Friedensweg von Sarajewo" (‹http://friedensweg.net›), an schulpastoralen Initiativen wie dem Compassion-Projekt27 oder an der Fazenda da Esperança-Bewegung für suchtkranke junge Leute (‹www.facenda.de›)28.


Faktoren jugendpastoraler Innovation


Es wäre reizvoll, anhand solcher Praxisbeispiele erfolgreicher Jugendpastoral systematisch nach den Faktoren zu fahnden, die die innovative Weiterentwicklung der Jugendpastoral anzeigen. Dies kann hier nur intuitiv geschehen. Offensichtlich braucht es echte Gründergestalten, also risikofreudige Leute, die sich die Realisierung jugendpastoraler Ideen biographisch wirklich etwas kosten lassen. Es braucht mediale Mobilisierungs- und Vernetzungsstrategien. Es braucht das Bewußtsein, sich weniger von abstrakten Zielen als von konkreten Orten und Problemen herausfordern zu lassen. Es braucht eine entschlossene Förderung der ästhetisch-popkulturellen Wirklichkeitserschließungsstrategien junger Leute heute. Es braucht eine robuste geistliche Formation mindestens derer, die im Projekt als Anbieter und damit als personale Projektionsfiguren auftreten.


Es braucht ein gutes dogmatisches Grundwissen über "Lumen Gentium" und "Gaudium et spes". Es braucht in den Seelsorgeämtern und pastoralen Dezernaten gute Chefinnen und Chefs, die zu jugendpastoralen Laborversuchen ermutigen und diese großzügig budgetieren. Es braucht diakonischen Mut. Es braucht die innere Freiheit, sich nicht an die Denkverbote zu halten, die mit den überkommenen Polaritäten von "links - rechts", "konservativ - progressiv" usw. verbunden sind. Es braucht die Freude über die Chancen, die im kirchlichen Standortwechsel von "Macht" zu "Markt" liegen. Denn (nichts gegen Senioren!) wenn Gott jung ist, dann ist "Mutter Kirche" mehr als eine hutzelige Kräuteromi. Dann ist sie eine Freeclimberin am Hang, mit atemberaubender Aussicht.

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