Matthias Sellmann

Gott ist jung! Kirche auch?

Trends und Projekte in jugendpastoraler Theorie und Praxis

interessen abzugreifen. Eine arme Kirche ist sicher oft authentischer. Und die Kirche als Gemeinschaft des Volkes Gottes ist ja auch dogmatisch hervorragend auf diese Situation vorbereitet, aktiviert sie doch erst unter Säkularisierungsbedingungen das großartige zweipolige ekklesiologische Programm von "Lumen Gentium" und "Gaudium et spes" sowie die nicht minder beeindruckende Vision einer Offenbarung als Kommunikation von "Dei verbum"2. Aber natürlich kosten die Anpassungsanstrengungen enorme Energien. Sowohl die theologischen als auch die pastoralstrukturellen Turbulenzen unserer Tage könnten präzise als Reaktionsreflexe einer Institution gedeutet werden, die von einer Monopol- in eine Konkurrenzstellung auf einem Markt zu wechseln hat.


Jugendpastoral heute - Begegnung mit Fremden


Heutige Jugendpastoral kann gemäß dieser Skizze als ein solcher Ort beschrieben werden, an dem die Kirche in fremde Welten und an fremde Lebensideen gelangt - und dies in für viele unzumutbarer Härte. Jugend ist in vielfacher Hinsicht das "Außen" der verfaßten Kirche, über das sie nicht verfügen kann. Und das ist ihr "plötzlich sehr unheimlich"3. Dies gilt soziologisch wie auch theologisch. In soziologischer Hinsicht ist es nach wie vor die Bevölkerungsgruppe der Zwölf- bis 29jährigen, die sich im weitaus größten Abstand zur Kirche verortet. Kein anderes Bevölkerungssegment geht so selten zum Gottesdienst, verweigert so konsequent den Glaubens- und den Moralgehorsam und stilisiert sich biographisch so kirchenoppositionell wie die Jüngeren. Insgesamt kann man arbeitshypothetisch davon ausgehen, daß die Angebote der pfarrlichen bzw. der verbandlichen Jugendpastoral etwa sechs Prozent der 16- bis 29jährigen erreichen4. Insofern werden die Jüngeren für die Kirche zu "Fremden" - und damit zu unverzichtbaren Informanten über ein Leben jenseits verfaßter kirchlicher Rituale und Routinen.


In theologischer Hinsicht bilden die Jüngeren die Generation, die die Geschichtlichkeit des christlichen Glaubens nach vorne hin verbürgt - und die damit im Modus von Fremdheit agiert. Da die traditio des Glaubens für diesen konstitutiv ist, diskreditiert sich jede Kirche selbst, wenn sie den Strom der successio, der Glaubensweitergabe, unterbrechen läßt und sich mehr von der (gesicherten) Überlieferung der Alten als von der (verunsichernden) Überraschung der Jungen bestimmen läßt. Insofern gilt in der Jugendpastoral gerade aus der Erkenntnis dessen, was als "Altes" zu bewahren ist, ein "Vorrang des Neuen"5.

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