Matthias Sellmann

Gott ist jung! Kirche auch?

Trends und Projekte in jugendpastoraler Theorie und Praxis

Akteure im "second life" (so das Freiburger Projekt ‹www.kirche-in-virtuellen-welten. de›); das Internetangebot von großen Institutionen (‹www.evangelisch.de/youngspirix›) oder Ordensgemeinschaften wie etwa das Projekt "Domino" der Benediktinerabtei Königsmünster (‹www.domino-community.de›) sowie die twitter-Bibel des Portals ‹www.evangelisch.de›12. Auch der Vatikan zieht da mit: Spiegel online berichtete im Januar 2010 von der Botschaft des Papstes anläßlich des 44. Katholischen Welttags sozialer Kommunikationsmittel, in der er die pastoral Verantwortlichen zur umfassenden Nutzung der Neuen Medien, zu Online-Videos, Blogs und einschlägigen Fortbildungskursen ermutigt13.


Die jugendpastorale Herausforderung, die im Raum steht, ist offensichtlich eine inhaltliche wie auch eine kulturell-mentale. Die Neuen Medien sind jedenfalls mehr als einfach neue Gelegenheitsstrukturen für die Verkündigung. Sie rufen tiefgreifende systematische und philosophische Fragen auf den Plan, etwa nach dem ontologischen Status von Virtualität, dem Subjekt- und Wahrheitsbegriff sowie die soteriologischen Frage nach der grundlegenden Medialität von Gnadenwirkungen14.


Sakramententheologisch wird man beispielsweise eine Debatte über die Frage erwarten dürfen, inwieweit Segenshandlungen der körperlichen Präsenz bedürfen, woran man diese fest macht und unter welchen Bedingungen - ähnlich wie bei Fernsehgottesdiensten oder dem jährlichen Ablaß anläßlich des päpstlichen Segens "Urbi et orbi" - etwa das Beicht- oder Firmsakrament virtuell empfangbar ist. Man hat zu fragen, ob angesichts der enormen Wichtigkeit des Netzes ausgewählte künftige Jugendseelsorger nicht kategorial als Web-Seelsorger arbeiten müßten: antreffbar in Chats; als Mailpartner; als Eröffner von Gebetsgruppen im StudiVZ; als Gestalter ganzer Portale; als Bibelkreisteilnehmer im second-life; als spirituelle Blogger; als Filmemacher in youtube; als Ork-, Magier-, Zauberer- oder Elfen-Avatare in "World of warcraft" usw. Worum es geht, hat neulich ein jugendlicher Gesprächspartner so zusammengefaßt:


"Ich glaube, Jesus würde heute seine Jünger in Facebook suchen, Paulus würde heute seine Briefe bloggen und Petrus hätte den Hahn als Handy-Klingelton, damit er nie vergißt, was Jesus für ihn getan hat."15


Liturgie oder: Was verzaubert?


Ein offensichtlicher Trend der gegenwärtigen Jugendpastoral liegt in dem Bestreben, die Erschließungskraft des Glaubens über die Erschließungskraft der Körpersinne freizulegen. Setzte man in früheren jugendpastoralen Dekaden mehr auf die Attraktivität und Dynamik von Diskursräumen, so steht heute stark der Kirchenraum im Vordergrund. Mystagogie wird vielfach wörtlich als Weg von Körpern im Raum verstanden und dann beispielsweise als Jugendwallfahrt oder Kirchenbegehung gestaltet. Mehr als Debatten steht dabei Stille und mehr als reflektierte Grup-

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