Matthias Sellmann

Gott ist jung! Kirche auch?

Trends und Projekte in jugendpastoraler Theorie und Praxis

Professionalität zu tun hat: Hinten auf dem Prospekt stehen die Werbelogos einer Firma für Show- und Veranstaltungstechnik sowie einer Kerzenfabrik. Tatsächlich wird bei "Nightfever" beides gebraucht und intensiv eingesetzt. "Nightfever" verwandelt die großen Kirchen und Kathedralen von mittlerweile über 20 Städten in ein nächtliches Lichter- und Kerzenmeer. Im Mittelpunkt der oft stundenlangen Treffen steht die eucharistische Anbetung. Die Möglichkeit dieser intimen Begegnung mit Gott wird von folgenden Elementen umrahmt, erleichtert und inspiriert: einem andauernden Musikteppich sakraler Instrumentalität; dem Einspielen von Psalm- und Bibelversen; der Möglichkeit von Beichtgesprächen und von priesterlichen Segnungen; dem Initiieren von fürbittendem Gebet; dem Besuch von Workshops und Gesprächsrunden, den sogenannten Glaubens-Talks. Eine besondere Note liegt in einem aktivierenden Element: Während des "Nightfevers" gehen die jugendlichen Teilnehmer/innen nach draußen und laden die Passanten und Touristen ihrer Stadt in "ihre" Kirche ein, um dort einige Minuten zu verweilen, den ästhetisch verfremdeten Kirchenraum zu kontemplieren, Kerzen anzuzünden oder ähnliches.


In der Zusammenschau all dieser Module kann die Initiative "Nightfever" unschwer als ein Kind des "iconic turn" gesehen werden, in dem die religiösen Performanzbedürfnisse junger Leute entschlossen bedient werden. Dabei überrascht mehreres: Einerseits, daß die doch leicht zu erkennende Kirchen-, Eucharistie- und Klerikerfokussierung der Veranstaltung nicht dazu führt, den sonst doch schnell einrastenden kirchenorganisatorischen Reflex einer Ablehnung der modernen Kulturtechniken zu aktivieren. Im Gegenteil: "Nightfever" nutzt das volle Spektrum der modernen Eventkultur, also etwa der Mechanismen der Raumverzauberung im Sinn liturgischen "cocoonings", der simulativen Benutzerführung, der Stimulation kulturellen Konsums, der Suggestion gemeinsamer inhaltlicher Fokussierung, der Reduzierung diskursiver zugunsten sphärischer Selbstvergewisserung, der Inszenierung von Prominenz, der PR-Techniken des branding usw.20 Zweitens überrascht, wie attraktiv offensichtlich genau diese Kombination von popkulturell anschlußfähiger christlich-konservativer Religiosität bei den Jüngeren ist. Es ist gar nicht abzustreiten, wie erfolgreich "Nightfever" agiert, wenn man pastoralen Erfolg einfach einmal als gelungene Mobilisierung der Zielgruppe faßt. Diese liturgische Form füllt die Dome dieses Landes, zeigt eine enorme Attraktivität des - mitunter faktisch bereits ausgestorbenen - Gestus der Anbetung, spiegelt eine ganz unverhohlene Popularität des sich vorwiegend sakramental inszenierenden Priesters und demonstriert einen echten jugendlichen Unwillen an allzu akzentuiert kognitiven und gruppendynamischen Glaubenszugängen.


Auch wenn sich kritische Nachfragen an das Konzept aufdrängen - etwa zum Thema Partizipation, Diakonie oder Kirchenbild -, ist doch festzuhalten, daß im erfolgreichen Setting "Nightfever" ganz wichtige Lernherausforderungen der Jugendpastoraltheologie liegen, die zu übergehen bedeutet, ein offenbar ganz dringendes Bedürfnis junger Leute nach religiöser Sicherung ihrer biographischen

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