Matthias Sellmann

Gott ist jung! Kirche auch?

Trends und Projekte in jugendpastoraler Theorie und Praxis

Kontingenzerlebnisse zu ignorieren. Natürlich werden hier zentrale Erfordernisse einer Jugendpastoral, etwa der Würzburger Synode, nicht bedient. Es geht nicht um reflektierte Gruppen, nicht um Selbstorganisation, nicht um diskursives Offenhalten von Glaubenswahrheiten, nicht um diakonal-politische Effekte, nicht um Bildung usw.21 All diese jugendpastoralen Errungenschaften werden durch "Nightfever" - und durch verwandte Phänomene wie "Jugend 2000" oder "Generation Benedikt" (‹www.generation.benedikt.de›) - nicht entwertet, wohl aber provoziert22. Die Debatte steht ins Haus, wie konstitutiv jugendliche Bedürfnisse auch dann für die jugendpastorale Theorie sind, wenn sie die herkömmlichen Diagnosen und Standardunterstellungen dauerhaft befremden.


Diakonie oder: Was macht stark?


Die bereits mehrfach angeklungene Event- und Projektförmigkeit der Jugendpastoral zeigt sich auch in neueren diakonischen Initiativen. Diese werden weiterhin zumeist von den Jugendverbänden verantwortet. Damit scheint eine erste wichtige Nachfrage zu jugendpastoraler Innovation beantwortet: Weiterhin besteht vor allem im diakonischen Bereich jenes Schisma weiter, das Liturgie und Verkündigung als Domänen der Gemeinde bzw. der Gemeindenähe ausweist, während Diakonie ganz offenbar von der Gemeinde kaum geleistet werden kann, sondern auf andere Sozialformen wie den Verband, den Orden, die Bewegung oder die Schule angewiesen Ist23. Zwar bringen solche großen Aktionen wie die "72-Stunden-Aktion" (‹www.72Stunden.de›) Pfarrjugend und Verbandsjugend zusammen, konstituieren aber keine festeren diakonischen Allianzen zwischen den beiden Sparten.


Umgekehrt ist die alljährliche, vor allem von der Meßdienerjugend getragene "Sternsingeraktion" zwar eine diakonische Initiative, führt aber in der Regel nicht zu einer konfrontierenden Begegnung mit Armut, Exklusion und Stigma marginalisierter Jugendlicher. Dieser Befund ist nicht sofort problematisch, könnte man doch durchaus arbeitsteilig Kompetenzen zuschreiben und etwa den explizit für Politik antretenden Jugendverbänden des BDKJ sozusagen das diakonische Aktionsfeld überlassen. Theologisch defizitär wird es aber dann, wenn das diakonische Engagement mit und für junge Leute im Zuge einer vor allem liturgisch identifizierten "Kerngeschäft-Pastoral" unter Einsparbedingungen oder unter Rekrutierungsdruck gestellt wird. Daß etwa "Häuser der offenen Tür" als reine Freizeitstätten im Vorfeld von "echter" Pastoral für entbehrlich gehalten werden; daß die "Option für die Armen" als lateinamerikanische Nostalgie abgetan wird; oder daß immer weniger neugeweihte Priester sich für die Jugendpastoral im Verband begeistern lassen - all das sind keine neuen Themen in der einschlägigen Debatte. Eine Standortbestimmung zur gegenwärtigen Jugendpastoral wäre aber unvollständig, würde sie nicht darüber informieren, daß diese Defizite weiterhin bestehen.

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