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Hopkins, Gerard Manley: Geliebtes Kind der Sprache
Übertragen und kommentiert v. Dorothea Grünzweig
Hörby: Edition Rugerup 2009. 295 S. Br. 29,90.
Hopkins, Gerard Manley: Auf dem Rückflug zur Erde. Eine Einführung in seine poetische Welt. CD Hörbuch. München: INIGO Medien 2009. 72:42 Minuten. 14,90.
Gerard Manley Hopkins SJ (1844-1889) englischer Konvertit und Professor für griechische und lateinische Literatur am University College in Dublin, bezeichnete in einem Brief an seinen jüngsten Bruder Everard 1885 Dichtung als "the darling child of speech": Dichtung sei erst sie selbst, wenn sie gesprochen wird. So bekundet Dorothea Grünzweig mit "Geliebtes Kind der Sprache" als Titel ihrer Neuübersetzung eine Übertragung von Hopkins Gedichten ins Deutsche in allen ihren Dimensionen. Schon eine rein inhaltsbezogene Wiedergabe kann bei Hopkins zur gedanklichen und das Vorstellungsvermögen herausfordernden Anstrengung werden, verdichten doch syntaktische Neufügungen eines in sich verzahnten Satzbaus, syntaktisch zu neuen Begriffen zusammengefügte Wörter, Homonymie und ein idiosynkratischer Wortgebrauch die Aussagen in oft gewöhnungs- und erklärungsbedürftiger Weise. Die Umsetzung in die andere Sprache der an Reim, Assonanz, Alliteration reichen und von zwingendem, ganz der Aussage verpflichtetem Rhythmus getragenen lautlichen Gestaltung erfordert vielseitigen Einfallsreichtum der Übersetzung.
Die Edition Rugerup legt dem deutschsprachigen Leser ein dichterisches Werk vor, das zu den interessantesten Zeugnissen der englischen Dichtkunst der viktorianischen Zeit gezählt werden kann und noch heute neuartig klingt. Nach der längst vergriffenen Übersetzung der Gedichte durch Ursula Clemen mit Friedhelm Kemp von 1954 ist es die zweite umfassende Übertragung ins Deutsche. "Geliebtes Kind der Sprache" signalisiert eine Übertragung, die mit dem Ohr gelesen sein will und dem Original in Sprache und Rhythmus nahekommt. Die angezeigte CD-Aufnahme einer Lesung mit Hopkins' Gedichten im Original und in der neuen Übersetzung bietet hierzu eine hilfreiche Einführung.
Hopkins' Lyrik galt schon immer als kühn und einer Erklärung bedürftig. Robert Bridges, sein Freund seit Oxforder Studien- tagen und späterer Poeta laureatus, der 1918 die nachgelassene Lyrik Hopkins' erstmals veröffentlichte, empfand die große Ode über den "Schiffbruch der Deutschland", Hopkins' poetischen Neuanfang 1875 - nach selbstauferlegter Abstinenz des Konvertiten beim Eintritt in den Jesuitenorden 1868 -, als solchen Bruch der Regel von Sprache und Dichtkunst, daß er sich weigerte, sie nochmals zu lesen. Zu ungewohnt waren invertierte und verzahnte Syntax, eigenwillige Wortbildung und der ausdruck- bestimmte und metrischer Regelmäßigkeit abholde "Sprungrhythmus".
"Wie Eisvögel Feuer fangen, Libellen Flammen ziehn;/Wie übern Rand des Brunnenrunds gepurzelt/Steine klingen", heißt es in einem Sonett, "und jede Sait gezupft ruft, jeder Baumelschelle/Bogen bimmelnd Zunge findet, weit seinen Namen auszuschwingen;/Tut jedes Ding auf Erden ein und dasselbe Ding:/Verteilt das Wesen eigenwohnt in jedem;/Selbstet - wird sich selbst; mir selbst spricht es, bespricht,/ Verlautet Das was ich tu ist ich: drum bin ich hier.//Ich sage mehr: der Mensch gerechtet;/Hält Segen: das hält all sein Tun im Segen;/Macht vor Gottes Aug, was in Gottes Aug er ist -/Christus. Denn Christus spielt in zehntausend Flecken,/ Köstlich in Gliedern, köstlich in Augen seinen nicht,/Dem Vater durch die Züge vom menschlichen Gesicht."
Hier präsentiert sich in knapper Form Hopkins' aus anschaulicher Naturbeobachtung stammende Wahrnehmung alles Geschaffenen in jeweiliger Eigenheit, dessen Schönheit den Schöpfer rühmt, den aus freien Stücken zu erkennen und zu preisen allein dem Menschen gegeben ist. Die Zerstörung der Natur durch den Menschen ist ihm Schwinden von unwiederbringlicher Individualität und Gottes Schönheit. Dies macht Gedichte wie "Binsey Pappeln" ("Wenn wir hacken oder graben/Gewesene Schönheit kehrt der Nachwelt nie zurück") zu Zeugnissen frühen Umweltbewußtseins. Aus den sogenannten "Sonetten der Verzweiflung" spricht die Not des an seiner Berufung Zweifelnden ("Ich such nach Trost, den ich so wenig haben kann/Im Tasten durch mein Ohnetrost"), der sich dennoch auf Gottes Willen einläßt: "Doch den Rebellenwillen/Von uns wir Gott auf sich zu biegen bitten dennoch."
Die zweisprachige Ausgabe läßt leicht den Vergleich mit dem Originaltext zu, was für beide Versionen erhellend ist: Man wird in Dorothea Grünzweigs Übersetzung überraschende Möglichkeiten der deutschen Sprache entdecken und das Original in seiner gedanklichen, sprachlich-lautlichen und rhythmischen Dimension weitgehend adäquat nacherleben können. Die ausführliche Kommentierung trägt zum Verständnis bei und zeigt, mit wieviel Bedacht übersetzt wurde.
Manfred Musiol
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am 17. August 2010:
Roman Bleistein SJ
(1928-2000)
(1928-2000)
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