Arnold Angenendt

Lobpreis der Alten Liturgie?




Zweifellos ist das Empfinden des Ewigen für die Liturgie als ein mächtiger religionspsychologischer Faktor einzuschätzen, so mächtig, daß daraus Kirchenspaltungen hervorgehen konnten, wie es jetzt auch wieder droht und was zu beheben alle Anstrengung wert ist. Aber darf diese Anhänglichkeit an das Alte zur Norm werden? Entgegen steht der altkirchliche Satz, daß nicht der Brauch, sondern die Wahrheit entscheide. In seiner "Einführung ins Christentum" hat Joseph Ratzinger diesen Satz als einen "der wirklich großen Sätze der Väter-Theologie"46 bezeichnet. Damals ging es gegen die Vergötzung der heidnischen "consuetudo romana". Da auch die Liturgie nicht von vornherein gegen "Verbrauchung" gefeit ist, muß auch sie auf "Wahrheit" hin überprüft werden.


Aber nun genug der Einwände. Bei aller Eingeschworenheit auf die "actuosa participatio" (tätige Teilnahme der Gläubigen) bleibt tatsächlich zu fragen, ob in der neuen Liturgie nicht zu viel vorgelesen, vorgesungen, vorgebetet und vorgestanden wird. Müssen wir nicht feststellen, daß die innere Beteiligtheit eher zurückgegangen ist? Was Papst Benedikt zurecht anmahnt, betrifft den Kern der Liturgie: "Daß die Kirche Christi der Göttlichen Majestät einen würdigen Kult darbringt, 'zum Lob und Ruhm Seines Namens' und 'zum Segen für Seine ganze heilige Kirche'."47


Einer Legende aufgesessen


In diesem Sinn kann man sich mancherlei an der gängig gewordenen Praxis der neuen Liturgie verbessert wünschen. Etwa, daß der Eröffnungsteil oft unbefriedigend bleibt und zum Beispiel bei der Adressierung von Gott-Vater zu Gott-Sohn hin und her springt, daß beim Wortgottesdienst die versammelte Gemeinde durchaus zusammen mit dem Zelebranten auf das Gotteswort hin ausgerichtet sein könnte48. Aber liegt das Übel primär an der neuen Liturgie? Ist da die tridentinische Liturgie von vornherein die bessere? Entscheidend ist doch die ars celebrandi, die Kunst des Liturgiefeierns, die bei der neuen Liturgie ganz besondere Anforderungen an den Zelebranten wie auch an die Gemeinde stellt. In diesem Punkt ist nicht selten die von Martin Mosebach kritisierte "Häresie der Formlosigkeit" zu beklagen.


Ein allerletztes Wort noch zu Papst Gregor dem Großen († 604), der dem Motuproprio zufolge als der "liturgische Einheitspapst" erscheint, soll er doch angeordnet haben, "daß die in Rom gefeierte Form der heiligen Liturgie - sowohl des Meßopfers als auch des Officium Divinum - festgelegt und bewahrt werde" 49. Hier ist das Motuproprio einer im Mittelalter entstandenen Legende aufgesessen. Historisch hat Papst Gregor - wie heute in jedem Kirchenlexikon nachzulesen ist - weder das "gregorianische" Sakramentar promulgiert noch den "gregorianischen" Choral sanktioniert, noch überhaupt eine feste Liturgie vorgeschrieben. Im Gegenteil: Gregor der Große kann als der letzte Papst der "liturgischen Freiheit" gelten.

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