Arnold Angenendt

Lobpreis der Alten Liturgie?




Somit ist festzustellen, daß einstmals auch der römische Kanon, sofern er sich verläßlich rekonstruieren läßt, gleichfalls die allgemeine Grundstruktur von Dank, Einsetzungsbericht, Anamnese und Epiklese hatte. Daß die veränderte Form, wie sie heute vorliegt, eine Sonderentwicklung ist, zeigt auch der Blick auf die östlichen Liturgien: Keinerlei Anzeichen weisen darauf hin, "daß sich die Darbringungsaussage auf etwas anderes bezieht als auf die zur Heiligung durch den Geist Gottes bereitgestellten Gaben Brot und Wein. Eine Darbringung Christi oder auch nur eine konsekratorische Auffassung der Einsetzungsworte ist im Gedankengang der östlichen Anaphoren ausgeschlossen."30


Klerikales "opfern für"


Noch eine dritte Richtungsänderung zeigt sich im römischen Hochgebet. Als einmalige Sonderheit hat Jungmann darin festgestellt: "Das Gedächtnis soll nicht nur im Priester, sondern in der ganzen versammelten Gemeinde lebendig sein."31 Ausdrücklich erscheinen im römischen Hochgebet als Subjekt des Gedenkens sowohl Priester wie Volk (nos servi tui, sed et plebs tua sancta)32. Die Spezifizierung des "Wir" in Priester und Volk stellt klar, daß unterschiedslos alle das geistige Opfer darbringen und mit ihrem Selbstopfer in das Selbstopfer Jesu Christi eingehen. Diese Gemeinsamkeit gilt auch für die ambrosianisch-metabolische Deutung, daß nämlich alle, also die Kirche, das Opfer darbringen.


Genau dieser Ansatz wird aber im Frühmittelalter widerrufen und klerikal umgeschrieben. Statt der Gesamtheit von Klerus und Volk tritt nun der Priester als der eigentlich Opfernde hervor: Im Memento für die Lebenden ist das ursprünglich alle Teilnehmer einbeziehende "die dir dieses Lobopfer darbringen" durch eine Vorschaltung klerikal korrigiert: "für die wir opfern" (pro quibus tibi offerimus)33. Das heißt, der zelebrierende Priester "opfert für ...". Zuletzt verstärkte sich diese Klerikalisierung noch dadurch, daß der Priester den Kanon leise betete: "Der Priester betritt nun allein das Heiligtum des Kanons", und es "herrscht heiliges Schweigen"34.


Diese so einfach wie harmlos klingende Feststellung, die indes in entsprechenden Quellen-Aussagen reichlich belegt ist, verweist letztlich auf den alttestamentlichen Hohenpriester, der - wie es der Hebräerbrief allerdings auf Jesus Christus umdeutet (Hebr 9,7) - allein ins Heiligtum eintritt, um für sich und das Volk das Sühnopfer darzubringen. So betritt nun der zelebrierende Meßpriester allein den Raum des Kanons und läßt das Volk außerhalb. Die Idee, allein der Priester bringe das Meßopfer dar, zog sich durchs ganze Mittelalter. Als dann Pius XII. 1947 in seiner Enzyklika "Mediator Dei" wieder die Gesamtheit von Priestern und Laien als Opfernde in Erinnerung rief, bedeutete das eine kleine Revolution. Joseph Ratzinger hat vor Jahren die herausgehobene Priesterrolle einmal zu "entmythisieren"35 unternommen: "Der Priester wurde ... in eine geradezu unirdische Höhe erhoben...;

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