Arnold Angenendt

Lobpreis der Alten Liturgie?



munion, die der tridentinische Ritus nicht mehr zuließ, wurde einmal für so wichtig genommen, daß Papst Leo der Große († 461) den Verzicht darauf als häretisch bezeichnete41. Die Hervorhebung der Sühnewirkung des Meßopfers (die an sich gar nicht zu bestreiten ist) hat gegenüber der Mahlfeier ein solches Übergewicht erhalten, daß im katholischen Europa des 18. Jahrhunderts jährlich gegen 100 Millionen gestiftete "Seelenmessen" zelebriert wurden, zumeist ohne Volk und allein mit der Kommunion des messelesenden Priesters42. Und auch das noch: Die Messe "sine populo" (ohne Volk)43 ist immer verboten gewesen und gehört erst zu den nachtridentinischen Üblichkeiten. Kurzum: Die Behauptung einer organischen Entwicklung ohne Umbrüche und Abbrüche ist historisch nicht zu halten.


Gegen die Vergötzung der "Gewohnheit"


Einen direkten Bruch mit der Alten Liturgie vollzieht zudem noch heute, wer die Mundkommunion für die grundsätzlich einzige Form hält. Nicht nur, daß in Rom für das erste Jahrtausend die Kommunion auf die Hand gegeben wurde; vielmehr wäre es ein Bruch auch mit einer der wesentlichen Neuerungen in Jesu Verkündigung, nämlich seiner Überwindung der kultischen Reinheit. Gemeint ist jene in allen Religionen anzutreffende Unreinheit, die bei Berührung von Totem und vor allem von Sexuellem eintritt und kultunfähig macht, wofür als Inbegriff die "unreinen Hände" stehen. Jesus hat sich darüber hinweggesetzt: Unrein macht nicht, was der Mensch ausscheidet, sondern "was aus dem Herzen kommt, das macht den Menschen unrein" (Mt 15,18). Damit war die universalreligiöse Vorstellung der reinen Hände umgewandelt zu ethischer Reinheit, wie bereits in der Spätphase des Alten Testaments. Im Mittelalter kam die allgemeinübliche Forderung der reinen Hände wieder hoch. Zuerst schon durften Frauen die Kommunion nur mit einem Tüchlein auf der Hand entgegennehmen, dann galten alle Laienhände als unrein, und die Kommunion wurde in den Mund gelegt44. Insofern bedeutet das grundsätzliche Bestehen auf Mundkommunion einen erheblichen Bruch.


Die Anhänglichkeit an das Alte


Ein Wort zuletzt noch zu der "Anhänglichkeit an das Alte". Die neue Wertschätzung des Alten ist unschwer zu erklären. Es ist die allgemein-religiöse Sehnsucht nach dem Ewigen: "Wie im Anfang so auch jetzt und in Ewigkeit." Aus diesem Verlangen heraus rührt die in aller Religion zu beobachtende Auffassung, auch der Ritus müsse "ewig" sein: Man braucht ihn nicht zu verstehen, sondern muß sich nur sicher sein, daß er "immer" in Geltung war. Diese Unvordenklichkeit streicht Papst Benedikt heraus: "Seit unvordenklicher Zeit wie auch in Zukunft gilt ..."45

Probeabo bestellen Newsletter bestellen

Unsere Beiträge über das wichtigste Ereignis der katholischen Kirche im 20. Jahrhundert. Mehr...