Jürgen Pelzer

"Gehet hin und bloggt!"

Netzinkulturation im Zeitalter des Leitmediums Internet

Mitteln eigene persönliche Inhalte zu erstellen und miteinander in Kontakt zu treten. Die meistbesuchten Seiten im Internet - Facebook &Co. - bieten so gut wie keine Inhalte an. Diese kommen exklusiv von den Nutzern. Ab 2004 spricht man gar vom Web 2.0, um eine neue Phase in der Entwicklung deutlich zu machen. Dieser technisch anmutende Begriff ist in der neueren Literatur mittlerweile ersetzt durch den der Social Media. Dieser Begriff verdeutlicht, worum es im Kern geht: keine technische Revolution, sondern letztlich eine soziale, gesellschaftliche Evolution, verstärkt und ausgelöst durch die neuen Möglichkeiten des Internets. Und diese gesellschaftliche Änderung macht auch vor den Kirchentüren nicht Halt.


"Trial and error"-Mentalität


Vor dem Hintergrund der Sinus-Milieustudie zeigt sich: Besonders aktiv im Netz sind die Modernen Performer, Experimentalisten und Hedonisten - also die neuen Leitmilieus, welche die Kirche kaum noch erreicht. Die neue Denkweise, die mit ihrer Internetbegeisterung einhergeht, läßt sich am besten als "trial and error"-Mentalität beschreiben: Es wird probiert, und es gibt keine Angst vor Fehlern - ein kühner Mut. In der Internetszene hat sich dafür der Ausdruck "beta" eingebürgert. Er bezeichnet eigentlich den Zustand einer Software, die sich noch in der Weiterentwicklung vor der Marktreife befindet. Dieser Ausdruck ist aber gleichsam paradigmatisch für die gesamte Postmoderne, vor allem für das Internet und seine digital residents, zu denen man, grob gesagt, die Generation der ab 1985 Geborenen rechnet, die mit dem Internet groß wurden. Das Internetlexikon Wikipedia ist ein gutes Beispiel, um die Bedeutung des "beta"-Seins zu erläutern. Ein Artikel ist darin nicht wie in früheren Lexika ein fertiges Gesamtkonstrukt mit hoher Haltbarkeit, sondern befindet sich stets im Status des Wandels, der Aktualisierung, und alle können aus ihrem Blickwinkel dazu beitragen. Der Konsens entsteht am Ende: Man geht nicht mit festen Überzeugungen in die Diskussion, sondern der Konsens ist das, was sich aus der Diskussion ergibt.


Ein solches Verständnis hat natürlich weitreichende Konsequenzen für die Kirche als Institution, die sich in diesem bewegten Internet präsentiert. Hierarchische Strukturen des Top-Down-Prinzips (von oben nach unten) stehen konträr zur Egalität des Internets. Die Erfahrung, daß viele Internetprojekte an diesem Paradigma scheitern, machten auch zahlreiche Firmen. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, daß der Einsatz der Internetmöglichkeiten eng übereinstimmen sollte mit dem Selbstverständnis der Organisation, die sie nutzt. Das Internet ist eben nicht nur ein digitaler Schaukasten, in den die Anbieter ihre Inhalte analog zu einem Printmagazin einstellen können. Hier kann die Kirche von den Firmen lernen. Viele Firmen haben die Erfahrung gemacht, daß sie das Internet in einer wenig

Probeabo bestellen Newsletter bestellen

Unsere Beiträge über das wichtigste Ereignis der katholischen Kirche im 20. Jahrhundert. Mehr...