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Krätzl, Helmut: Mein Leben für eine Kirche, die den Menschen dient

Unter Mitarbeit v. Josef Bruckmoser

Innsbruck: Tyrolia 2011. 206 S. Gb. 24,95.


Jahrelang als "Kronprinz", d. h. als "logischer Nachfolger" des "Jahrhundertkardinals" Franz König (1905-2004) geltend, ist der Wiener Weihbischof Helmut Krätzl seit 2008 emeritiert. Aber er wirkt weiterhin als gefragter Firmspender, Vortragender und Autor. Aus Anlaß seines 80. Geburtstages legt er, redaktionell unterstützt durch Josef Bruckmoser von den "Salzburger Nachrichten", ein Buch über seinen Lebensweg vor - ein Rückblick auf verschiedenste priesterliche Funktionen: Kaplan, Erzbischöflicher Zeremoniar und Sekretär, Konzilsstenograph, Pfarrer, Ordinariatskanzler, Weihbischof und Bischofsvikar, Generalvikar und Diözesanadministrator.


Krätzl ist über Österreich hinaus bekannt, nicht zuletzt durch sein mehrfach aufgelegtes, in verschiedene Sprachen übersetztes Konzilsbuch "Im Sprung gehemmt" (vgl. die Besprechung in dieser Zs. 213, 1999, 213-215), für das er an die Glaubenskongregation in Rom zitiert wurde. Der Vorgang ist ausführlich dokumentiert ("Das römische Dossier": 133-138; "Die Vorladung": 138-150).


Man erfährt einiges, was sich hinter den Kulissen eines verantwortungsvollen Lebens abgespielt hat. Krätzl nennt zwei Motive für seine "Offenlegung": "Einmal, um ein weit verbreitetes Vorurteil zu entkräften, Bischöfe hätten in den letzten Jahrzehnten zu problematischen Entwicklungen in der Kirche in Österreich nur geschwiegen. Zum andern aber möchte ich jene, die Leitungsverantwortung in der Kirche tragen, daran erinnern, daß man durch Schweigen - aus welchem Grund auch immer - der Kirche auch schaden kann, ja die so notwendige Weiterentwicklung und Erneuerung hemmt" (7).


Das Konzil, während dessen er mit Joseph Ratzinger im Priesterkolleg "Anima" unter einem Dach wohnte, ein lebensgefährlicher Verkehrsunfall auf dem Weg nach Zagreb zur Beerdigung von Kardinal Alojzije Stepinac, die auf die Implementierung des Konzils ausgerichtete Diözesansynode (1969/71), die gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen der 70er Jahre (Fristenlösung, Neubestimmung des Verhältnisses der katholischen Kirche zur Sozialdemokratie), der Katholikentag 1983 mit dem Papstbesuch und schließlich die ab Mitte der 80er Jahre einsetzende "Wende", durch umstrittene (diesseits wie jenseits der Alpen "eingefädelte") Bischofsernennungen vorangetrieben und, historisch gesehen, desaströs endend, sind herausragende Ereignisse dieses Lebens. Zwei Mal, 1994 und 1995, kämpfte Krätzl gegen eine Krebserkrankung. In der Bischofskonferenz waren ihm die Agenden Erwachsenenbildung, Religionsunterricht und Ökumene übertragen - seine Fachkompetenz wurde auch außerhalb Österreichs anerkannt und geschätzt.


Die 1986 erfolgte Ernennung des Benediktiners Hans Hermann Groër, eines ehemaligen, mit dem Kurs von Kardinal König nicht einverstandenen Wiener Diözesanpriesters, zum Erzbischof von Wien - der Diözesanadministrator Krätzl erfuhr davon von einer Journalistin, erst dann vom Nuntius - wirkte nicht nur auf den als "Favoriten" Gehandelten traumatisch. 1995 endete diese Berufung nach Mißbrauchsvorwürfen mit dem Rücktritt Groërs, der auch Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz gewesen war. Die Kirche Österreichs hat sich von diesem Schock niemals wirklich erholt. Ausführlich beschrieben ist der Ad limina-Besuch der Österreichischen Bischofskonferenz 1987, bei dem Johannes Paul II. die Gültigkeit der Enzyklika "Humanae vitae" einschärfte (vgl. 66-69). Als Reaktion darauf wandte sich Krätzl in unzweideutiger Klarheit direkt an den Papst - auch dieser Brief vom 30. September 1987 ist abgedruckt (vgl. 71-75).


Der von der Bischofskonferenz initiierte, von Bischof Johann Weber vorangetriebene "Dialog für Österreich" wurde Krätzl zufolge nach einem verheißungsvollen Auftakt bei der Delegiertenversammlung in Salzburg "nicht zu einem neuen Aufbruch, sondern kennzeichnete das Ende einer synodalen Ära der katholischen Kirche in Österreich" (89).


Krätzls Rückblick enthält viele brisante Details - zu "schonungslos" gewiß in den Augen mancher, wohingegen andere dafür dankbar sein werden. Es ist nicht die Bilanz eines frustrierten zornigen Alten, der sich übergangen fühlt, weil er bei einer wichtigen Personalie nicht zum Zug gekommen ist - auch wenn ihm das, wie er einräumt, einige partout nicht abnehmen wollen. Mehrere Predigten, Texte und Dokumente - die bisher so einer breiteren Öffentlichkeit nicht zugänglich waren - machen das Buch zu einem zeit- und kirchengeschichtlichen Dokument. Und es ist mehr als das: Man hat einen eigenständigen Blick auf eine Periode der Geschichte der Kirche Österreichs und zugleich das "Glaubensbekenntnis" eines Bischofs vor sich.

Andreas R. Batlogg SJ


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