Schummer, Joachim: Das Gotteshandwerk.

Die künstliche Herstellung von Leben im Labor

Berlin: Suhrkamp 2011. 240 S. (edition unseld. 39.) Kt. 12,-.


Es ist eine weit verbreitete Meinung unter Biologen, daß die künstliche Herstellung lebendiger Zellen grundsätzlich nicht unmöglich sei oder vielleicht sogar unmittelbar bevorstehe. Craig Venters Erfolg, die vollständige chemische Synthese eines Bakteriengenoms einschließlich seines Funktionsnachweises in der lebenden Zelle, war hier zweifellos ein Etappensieg. Um so mehr verdient es Beachtung, wenn inmitten des darauf erfolgten Konzerts aus Machbarkeitseuphorie und Untergangsvisionen mit Joachim Schummer ein Chemiker und Philosoph seine Stimme erhebt, um den wissenschaftlichen und technischen Nutzen dieses Unternehmens ebenso anzuzweifeln, wie die ethischen und religiösen Einwände dagegen zu kritisieren.


Die - bereits im Buchtitel angedeutete - These ist ebenso einfach wie einleuchtend. Wissenschaftlich wird bezweifelt, ob die Herstellung künstlichen Lebens einen Erkenntnisgewinn darstellt bzw. einen technischen Nutzen verspricht.


Ethisch und theologisch wird gegen den Vorwurf argumentiert, daß man mit einem solchen Unternehmen, gelänge es denn, Gott ins Handwerk pfuschen würde. Vielmehr macht dieser Vorwurf den zweifelhaften Wert des Unternehmens erst medienwirksam und verleiht ihm damit genau jene Bedeutung, die man bekämpfen möchte.


Es läßt sich durchaus darüber diskutieren, ob die Schwierigkeit, "Leben" und "Herstellen" eindeutig zu definieren, schon die Wissenschaftlichkeit des Zieles der Lebensherstellung in Frage stellt bzw. ob Nachbauen nicht doch eine Methode ist, mit der man zumindest die technische Seite eines Problems verstehen kann. (Für das Leben wäre damit nicht weniger als der Anspruch mechanistischer Erklärbarkeit erwiesen!) Aber eben darum sind die beiden Kapitel 10 und 11 philosophisch besonders lohnend.


Nicht minder gilt das für Kap. 12, in dem gezeigt wird, daß die von der Synthetischen Biologie in Aussicht gestellten Ziele, wie z. B. Medikamentenproduktion, genauso gut mit den schon längst üblichen gentechnischen Mitteln erreicht werden können - ohne daß man dazu die Zelle, die man genetisch modifizieren möchte, auch erst noch herstellen müßte ("Wozu das Rad noch einmal neu erfinden?", 152).


Daß menschliche Herstellung nur zu einem kreationistisch verzerrten Schöpfungsbegriff in Konkurrenz treten kann, ist ebenso richtig wie der geschichtliche Nachweis, daß über Jahrhunderte hinweg eine spontane Lebensentstehung aus toter Materie als selbstverständlich angesehen wurde. Ob das in jedem Fall schon als gleichbedeutend angesehen werden kann mit der Überzeugung von der künstlichen Herstellbarkeit des Lebens, bedürfte freilich einer eingehenderen Erörterung.


Hier zeigt sich die Stärke dieses Buches auch als Schwäche: Eine relativ eingängige These, die sich auf Artikellänge darstellen ließe, wird in aller geschichtlichen wie sachlichen Breite zur Buchform ausgeweitet. Das führt trotz (oder gerade wegen) der äußerst systematischen inhaltlichen Gliederung zu zahlreichen Wiederholungen und Überschneidungen, ohne daß der damit vertane Raum für eine tiefer gehende Diskussion einzelner Fragen genutzt worden wäre.


Gleichzeitig erhält man aber einen gut lesbaren ersten Überblick über die wichtigsten Facetten des Problemkreises Synthetische Biologie, der zum weiteren Eindringen anhand des reichhaltigen Literaturverzeichnisses geradezu einlädt.

Christian Kummer SJ


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