Beatrice Eichmann-Leutenegger

Diagnostikerin des privaten Alltags.

Zum 80. Geburtstag von Gabriele Wohmann

Gegenwart ins Bewußtsein schiebt, die Wahrheit unbeschönigt aufdeckt und die jüngere gesunde Schwester den Fluchtwunsch in sich spürt. "Abschied von der Schwester" stellt sich als ein komplexes Textstück dar: Das Buch ist eine Mischung von Diarium, Protokoll, unmittelbaren Notaten und Passagen, die eine literarische Transformation erfahren haben. Eine der zentralen Fragen lautet: Wie soll sich der Umgang mit der kranken Schwester gestalten? Die Autorin entscheidet sich für das paradoxe Begriffspaar "Distanz und Teilnahme" und folgt hierin professionellen therapeutischen Überlegungen. Ihre eigene emotionsreiche Anteilnahme erträgt sie nur im Wechsel mit der Konzentration auf das Schreiben, das Ablenkung verspricht, weil sie hier eine objektivierende Einstellung wählen muß. Dieses Buch, in einer Grenzsituation entstanden, übt seine Überzeugungskraft vor allem auf der menschlichen Ebene aus.


Eine Glückssucherin


Nun wird die scharfzüngige und ebenso empfindsame, hochsensible Gabriele Wohmann achtzig Jahre alt. Wie wenige hat sie sich innerhalb des launischen Literaturbetriebs über Jahrzehnte hinweg behauptet und alle Verlagswechsel überstanden. Allerdings kennt eine jüngere Generation ihren Namen kaum mehr, obwohl Gabriele Wohmann noch bis heute regelmäßig publiziert und 2010 auch nochmals einen Erzählband - "Wann kommt die Liebe" - veröffentlicht hat, der mit dem typischen Wohmann-Personal aufwartet und mit seinen inhaltlichen Mustern vertraut erscheint.


Eines ihrer letzten Bücher vereinigt jene Aufzeichnungen, die Georg Magirius im Anschluß an Gespräche mit Gabriele Wohmann vorgenommen hat. Sie werden im Untertitel als "Träume vom Himmel" bezeichnet. Die Flapsigkeit des Haupttitels jedoch - "Sterben ist Mist, der Tod aber schön"21 - widerspiegelt einen Aspekt in Gabriele Wohmanns Sprache, den ihre Leserschaft kennt und darauf seit jeher entweder mit Abneigung oder leicht belustigter Zustimmung reagiert. Das saloppe Sprechgebaren darf nicht über die geistige Herkunft der Autorin hinwegtäuschen: Ihre Texte speisen sich aus den Idealen des evangelischen Pfarrhauses, aus dem Erbe der deutschen Romantik und dem bürgerlichen Bildungskanon. In ihrem Bemühen, die Idyllen zu entlarven, schimmert doch nur jenes Heimweh nach dem verlorenen Paradies durch, wie es in den Gedichten Joseph von Eichendorffs aufscheint. Die Denunziantin und Dekonstruktivistin ist im Grunde eine Glückssucherin, die sich mit dem Mittelmaß niemals zufrieden gibt, aber auch weiß, daß die Vollkommenheit im Diesseits nicht erreicht werden kann.


Zwar treibt sie kompromißlos die Schwächen im zwischenmenschlichen Bereich ans Licht, doch "in dieser Art zu schreiben, zu beschreiben, liegt für Gabriele Wohmann eher ein moralischer Impetus, genau zu sein, Unangenehmes nicht zu ver-

Probeabo bestellen Newsletter bestellen

Unsere Beiträge über das wichtigste Ereignis der katholischen Kirche im 20. Jahrhundert. Mehr...