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Hans Waldenfels SJ

Sprechen Sie kirchisch?



"Sprechen Sie kirchisch?" - Auf diese Frage antworteten Passanten in Leipzig: "Nein, ich bin normal." Sicher ist in Ostdeutschland, wo über 80 Prozent der Bevölkerung keiner Kirche angehören, die Sprache der Kirchen in vielfacher Hinsicht zur Fremdsprache geworden. Nicht nur Wörter des Glaubensbekenntnisses wie "eingeborener Sohn" oder "wesensgleich mit dem Vater" sind schwer- bis unverständlich; auch Objektbezeichnungen im Kirchenraum wie "Altar", "Tabernakel", "Ambo" oder "Weihwasserbecken" oder Veranstaltungen wie "Eucharistiefeier" oder "Pontifikalamt" sagen vielen nichts mehr. Umgekehrt ist für viele jeder Gottesdienst - gleichgültig, ob katholisch oder evangelisch - eine "Messe".


Doch die Unverständlichkeit reicht tiefer. Wir erfahren, dass so grundlegende Wörter wie "Sünde", "Gnade" oder "Heil" "kirchisch" sind und nicht mehr zur Normalsprache der Menschen gehören. Es geht noch weiter, wenn man erlebt, dass selbst ein Wort wie "Ehe" inzwischen nicht mehr das besagt, was die jüdisch-christliche Tradition bislang darunter verstanden hat: die lebenslange Verbindung von Mann und Frau, in der in der Regel Kinder gezeugt und geboren werden und aufwachsen.


Die Gründe für die Entwicklung sind vielfältig. Das Christentum, wie überhaupt Religion, hat seine Rolle als führende Deuteinstanz in Fragen der Sinngebung menschlichen Lebens weithin verloren. Auch in traditionell christlichen Ländern Europas wird das Christentum immer mehr zu einer Religion unter anderen und existiert zugleich in einer säkularisierten Welt unter Menschen, die sich entschieden nicht-religiös verstehen. Da Europa sich kulturell wie wirtschaftlich und politisch immer stärker als Glied einer umfassenderen Menschheit erkennen muss, ordnen sich die Weltinstanzen neu. Zu den wesentlichen Instrumenten der Kommunikation aber gehören die Sprachen, von denen angesichts ihrer Fülle die Mehrzahl für den einzelnen Menschen Fremdsprachen sind.


Schwierigkeit aber bereitet nicht nur, dass uns die Sprachen anderer Völker und Stämme fremd sind. Wir leben in unseren Stadtkulturen inzwischen weithin in Bevölkerungsschichten, die sich ethnisch wie weltanschaulich-religiös, aber auch bildungsmäßig und gesellschaftlich sowohl miteinander vermischen als stellenweise ghettohaft gegeneinander abgrenzen. Diese Abgrenzungen ereignen sich in dem Maß, in dem es mit Hilfe der neuen Kommunikationsmedien zu völlig neuen und vielfach unkontrollierbaren Vernetzungen kommt. Das führt zugleich zu starken Brüchen zwischen den Generationen: Da die Sprache zudem nicht nur das gesprochene Wort ist, sondern auch in vielfältigen Weisen non-verbaler Kommunikation Ausdruck findet, entstehen einerseits neue Formen der Verständigung, wächst anderseits aber auch die Entfremdung.


Vor diesem gesellschaftlich weltweiten Umbruch ist die Erfahrung des "Kirchischen" nur Teil eines umfassenderen Problems. Papst Franziskus hat im Vorkonklave vor der "Selbstreferenzialität" der Kirche gewarnt, d. h.: alles nur im Blick auf die Kirche zu betrachten. Natürlich kann man aufzeigen, wie innerkirchliche Klärungen der Lehre und des Verhaltens zu sprachlichen Formulierungen - "Dogmen" auch im negativen Sinn - geführt haben. Diese wurden einerseits im Lauf der Zeit vielfach nicht mehr verstanden und sind in andere Denksysteme und Kulturen oft nur schwer zu übersetzen; anderseits sind sie für viele Menschen in ihrem Geltungsanspruch zu einer Behinderung freien Denkens geworden. Es lässt sich auch zeigen, was religiöse Pädagogik und pastorale Verkündigung dem einfachen Gläubigen schuldig geblieben sind. Ohne Beachtung des Zeithorizonts, der unser heutiges Leben bestimmt, ist keine Korrektur heutiger Evangelisierung möglich.


Der emeritierte Wiener Dogmatiker Raphael Schulte OSB hat in einer großen Studie ("Die Herkunft Jesu Christi. Verständnis und Missverständnis des biblischen Zeugnisses", Münster 2012) aufgezeigt, dass sich der wissenschaftliche Umgang mit der Heiligen Schrift zu lange darauf konzentriert hat, die späteren dogmatischen Formulierungen in der Bibel zu entdecken und so gleichsam die biblischen Begründungen für diese Lehrentscheidungen zu liefern. Dabei ist nicht selten der Sinn für die Einfachheit biblischer Sprache verloren gegangen und der Zugang zur Gestalt Jesu, dem Leben in seiner Zeit, seinem Volk und seiner Religion weniger eröffnet als versperrt worden. Nach wie vor wird die allgemeine kirchliche Verkündigung und Predigt der Tatsache, dass Jesus nicht abstrakt Mensch, sondern konkret ein Jude war, nicht wirklich gerecht.


Vielfach wird heute von den großen Narrativen gesprochen, die den Kulturen der Menschheit zugrunde liegen und sie geprägt haben. Längst ist bekannt, dass die jüdisch-christlichen Heiligen Schriften weniger als Lehrschriften, sondern als ein reicher Fundus von Erzählungen zu lesen sind. Nicht zuletzt die sonntäglichen Evangelien machen den Hörer mit den Geschichten des Lebens Jesu vertraut. Diese lassen erkennen, dass die christliche Botschaft ihren bedeutendsten Niederschlag nicht in den theologischen Bibliotheken, sondern in den Biographien der Christusnachfolger, also im Leben der Jesus nachfolgenden Männer und Frauen zu allen Zeiten und überall in der Welt findet. Deren Sprache ist in der Regel nicht "kirchisch" - sondern "normal" verständlich. Doch sie leben bei genauerem Hinsehen im Sinn Jesu in der Welt, obwohl sie nicht von der Welt sind (vgl. Joh 17, 16-19).


Etwas von dem, was hier gemeint ist, wird in dem deutlich, was inzwischen Tag für Tag von den kurzen Predigten des neuen Papstes Franziskus berichtet wird. Es sind keine vorher ausgefeilten und schriftlich vorbereiteten Ansprachen. Da sich seine Worte zumeist an das tägliche Evangelium halten und dabei die Menschen von heute im Blick haben, sind sie bei aller Einfachheit aktuell und zugleich provokativ. Sie lassen ahnen, was Jesus heute den Menschen sagen und bedeuten würde - und laden so ein, Jesus in der heutigen Welt zu folgen.


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