Zwischen den Synoden



Die Zeit läuft - und es ist fast Halbzeit: Vor bald sechs Monaten, am 19. Oktober 2014, ging die Außerordentliche Vollversammlung der Bischofssynode ("Die pastoralen Herausforderungen der Familie im Kontext der Evangelisierung") zu Ende; in gut einem halben Jahr, am 4. Oktober 2015, beginnt die Ordentliche Bischofssynode ("Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute").


Dass Bischöfe - vom Papst dazu aufgefordert - freimütig ("ohne menschliche Rücksichten, ohne Furcht") diskutierten, nicht nur sagten, was andere (vermeintlich) hören wollten, war schon ein gewaltiger Fortschritt: Kirche auf der Suche nach einer neuen Debattenkultur, ein mühsamer Weg kollektiver Konsensbildung und Entscheidungsfindung, bei all den unterschiedlichen kulturellen wie theologischen Sozialisationen. Dass die Schlussrelatio hinter die Zwischenrelatio zurückfiel, nicht nur im Tonfall, sondern inhaltlich, wurde aufmerksam registriert. Für Papst Franziskus waren die Spannungen normal: "Das ist Kirche […]. Sie beobachtet die Menschheit nicht aus einer Burg aus Glas, um die Menschen zu klassifizieren oder zu richten."


In einer Pressekonferenz sagte Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz: "Der Papst will, dass die Ortskirchen sich mit den Themen beschäftigen." Dieser hatte festgestellt: "Wir haben jetzt noch ein Jahr, um die hier vorgeschlagenen Ideen in einer wirklichen geistlichen Unterscheidung reifen zu lassen und konkrete Lösungen für alle Schwierigkeiten und die unzähligen Herausforderungen zu finden, welchen die Familien begegnen müssen; Antworten zu geben auf die vielen Entmutigungen".


Die zurückliegende Synode ist also ein Arbeitsauftrag auf einem "synodalen Weg" - ein Unternehmen, bei dem Umwege, Abwege und Irrwege nicht verwundern können. Die bloße Einschärfung lehramtlich-disziplinärer Stellungnahmen wie "Humanae vitae" (1968) oder "Familiaris consortio" (1981) genügt nicht mehr. Sie wird der Wirklichkeit heutiger, pluraler Beziehungs- und Familienwelten nicht gerecht und vergrößert nur die ohnehin dramatische Kluft zwischen Lehre und Leben. So gut Prinzipien wie das der verantworteten Elternschaft sind, so bedauerlich ist es, wenn die Methodenfrage zu einem reinen Reizwort wird.


Es geht um einen im Apostolischen Schreiben "Evangelii gaudium" (November 2013) für die Kirche prophetisch angezeigten, grundlegenden Perspektivenwechsel, wie ihn auch die Eheberaterin Ute Eberl, die zweite deutsche Synodenteilnehmerin, ins Wort brachte: "Eine Kirche, die für die Menschen da sein will, die bückt sich. Die bückt sich, um die Lebenswirklichkeiten wahrzunehmen - und schaut nicht zuerst mit der Brille des Kirchenrechts. Das hat nichts damit zu tun, 'die Melodie der Welt' nachzupfeifen, das hat damit zu tun, bei den Menschen zu sein."


Wie werden die verbleibenden Monate für eine "geistliche Unterscheidung" genutzt? Ist es realistisch zu meinen, es dürfe keine "Verlierer" und "Gewinner" geben, wenn man sich verschiedene Aktionen und Flügelkämpfe vor Augen hält? Erst Anfang Februar haben deutsche Diözesen auf ihrer Homepage den neuen römischen Fragebogen zugänglich gemacht - eine späte, eher formale Beteiligung? Rückmeldungen waren bis Anfang, Mitte oder Ende März erbeten, die dann gebündelt nach Rom geschickt werden, wo das Instumentum laboris erarbeitet wird.


Wer den konkreten Menschen aus dem Blick verliert, kreist schnell nur um sich selbst ("autoreferencialidad") und versteckt sich hinter einer Lehre, die nicht dem Leben dient, oder hinter Worten Jesu, die bekanntlich nicht als Wortprotokolle in vatikanischen Archiven lagern. Hier gab und gibt es Insinuationen, die zeigen, wie sehr bislang Angst und Unterwürfigkeit unter Bischöfen herrschten, wie wenig echte Kollegialität praktiziert wurde, wie verhängnisvoll sich römischer Zentralismus auswirkt. Die Synode offenbarte: Es gibt auch ein Bischofsproblem.


In einem Interview mit der Jesuitenzeitschrift "America" hat Kardinal Marx betont, es sei eine Frage der Verheutigung ("a question of aggiornamento"), kirchliche Anliegen in einer Sprache vorzutragen, die auch verstanden wird. Verurteilend wurde die Kirche zu oft erlebt. Den ganzen Menschen im Blick behalten, schließt Abwertung und Ausgrenzung aus, aber auch rein pastorale "Zuwendung". Menschen wollen nicht als Objekte "betreut", sondern in ihrer komplexen Lebenswirklichkeit ernst genommen werden - auch in der Vielfalt sexueller Möglichkeiten, die nicht einfach als zu tolerierende, aber letztlich defiziente "Schöpfungsvarianten" apostrophiert werden dürfen. Sexualität lässt sich nicht auf Fortpflanzung reduzieren. Gefühle, Zuneigung, Lebensentscheidungen sind genauso wichtig - warum sonst so viele Scheidungen? Entspricht das Festhalten an der Definition "Familie" als Vater - Mutter - Kind(er) als alleiniges Modell noch der Realität von Familie heute?


Die verbissene Verteidigung der "unveränderlichen Lehre" übersieht, dass es eine Geschichte der Dogmenentwicklung gibt. Es geht nicht um pastorale Schlupflöcher oder um spitzfindige theologische Konstruktionen, sondern darum, Menschen zu helfen, sie zu befähigen, ein "gutes Leben" als Christen zu führen. Eine Synode darf nicht nur das Modell einer "idealen Familie" im Blick haben. Sie übersieht oder verdrängt sonst andere Probleme, gerade der Kinder: Scheidungswaisen, Kinderarbeiter, Kinderprostituierte oder Kindersklaven. So leidvoll hierzulande etwa die Problematik wiederverheirateter Geschiedener oder von Homo-, Trans- und Intersexualität ist: Engführungen auf "heiße Eisen" verdecken solche Themenfelder, die nicht nur außerhalb Europas beklemmende Tatsache sind. Der Papst warnte in diesem Zusammenhang von "ideologischer Kolonialisierung"


Generell muss es das Ziel sein, wie er betont, "Türen zu öffnen", um Menschen, die durch das Kirchenrecht zwar nicht formal, aber de facto ausgeschlossen sind, zu helfen. Sonst verspielt die Kirche den Rest jeglicher Glaubwürdigkeit in Sachen Familie - obwohl sie als Anwältin des Lebens viel zu sagen hat.


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