Andreas R. Batlogg SJ

Roman Bleistein SJ (1928-2000)



Kaum zu glauben: Aber mittlerweile sind es bereits zehn Jahre her, seitdem unser ehemaliges Redaktionsmitglied Prof. Dr. Roman Bleistein SJ unerwartet verstarb - kurz vor Ende eines Erholungsurlaubes auf der Nordseeinsel Borkum. Nach der Abendmesse brach er bei einem anschließenden Priestertreffen zusammen. Die herbeigerufene Notärztin konnte nur noch den Tod durch Herzversagen feststellen. Es war der 17. August 2000. Am 24. August wurde er auf dem ordenseigenen Friedhof in Pullach bei München beigesetzt.


Von Kirche träumen


Von 1965 bis 1998 gehörte Roman Bleistein der Redaktion der "Stimmen der Zeit" an. Er empfand dies als seine zentrale Aufgabe, nicht als Tätigkeit neben anderen, sondern wirklich als die Grundlage aller anderen Arbeiten, die ihm das Leben oder seine Oberen zutrauten oder zumuteten. Sein erster Beitrag in den "Stimmen der Zeit" erschien im September 1964: "Jugend im Fernsehen" (461-463). Sein letzter Artikel kam posthum in der Oktober-Ausgabe 2000 heraus: "Von Kirche träumen" (651-658) - ein mehrfach gehaltener Vortrag, der mit einer Aufzählung verschiedenster "Kirchenträume" endet, die nicht nur den Theologen und Seelsorger, sondern auch den Menschen Roman Bleistein erkennen lassen: "Ich träume von einer Kirche, die mich am Ende des Lebens begleitet und mir in meinen letzten Atemzug hineinruft: Du wirst ewig leben."


Die 13 unmittelbar vorher formulierten Träume bzw. Visionen einer menschenfreundlichen Kirche aus dem Geist Jesu von Nazareth haben nichts an Aktualität eingebüßt. Deswegen ist dieser Artikel ab 17. August 2010 in unserer Rubrik "Aktuelle Beiträge" online zugänglich.


Von 1965 bis 1998 Redaktionsmitglied


Roman Bleistein war seit 1948 Jesuit. Geboren am 26. Juni 1928 in Aschaffenburg, gehörte er seit 1939 der Marianischen Kongregation an, über die er den Orden kennenlernte. Von Januar 1944 bis Januar 1945 noch als Flakhelfer eingezogen, legte er im Juli 1948 das Abitur ab und trat im September in den Jesuitenorden ein. Nach dem Noviziat in Pullach, verschiedenen Praktika und dem Theologiestudium an der Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main wurde er am 4. August 1960, also vor 50 Jahren, während des Eucharistischen Weltkongresses in München zum Priester geweiht.


Im Herbst 1960 erhielt der die "Destination" für die "Stimmen der Zeit". Nach einem ordeninternen Jahr der Reflexion in St. Andrä im Lavanttal, Kärnten (1961/62), und dem Studium der Pädagogik, Psychologie und Soziologie an der Universität München, mußte er noch für ein Jahr in Nürnberg als Kaplan einspringen. Der frisch Promovierte nahm im Herbst 1965 seine Tätigkeit bei den "Stimmen der Zeit" auf.


Von 1968 bis 1973 war er persönlicher Referent Karl Rahners SJ in München und Münster. 1971 erhielt er zusätzlich einen Lehrauftrag an der Jesuiten-Hochschule für Philosophie in München, die ihn 1973 zum Dozenten und 1975 zum außerordentlichen Professor für Pädagogik ernannte.


Roman Bleistein war ein anerkannter Experte für Fragen der Jugend. Ebenso kompetent wie geschätzt, arbeitete er in zahlreichen Gremien innerhalb und außerhalb der Kirche. Mehrere Konzepte praktischer kirchlicher Jugendarbeit tragen seine deutliche Handschrift. Die Jugendverbandsarbeit lag ihm besonders am Herzen. Zu seinem 70. Geburtstag erhielt er die Festschrift "Kundschafter des Volkes Gottes".


Roman Bleistein mischte sich ein. Er war kein passiver "Hinterbänkler", sondern ein Mann der Tat. Um nur einige Funktionen aufzuzählen: Die Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland (1971-1975) und die Synode der Diözese Rottenburg-Stuttgart (1983-1985) schätzten seinen Rat. Seit 1985 war er Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Katholischen Akademie für Jugendfragen, von 1981 bis 1998 Mitglied des Arbeitskreises Jugend im Katholischen Büro (Bonn). Auch außerhalb der Kirche war er gefragt: Von 1981 bis 1983 gehörte er der Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages "Jugendprotest im demokratischen Staat" und von 1983 bis 1990 dem Bundesjugendkuratorium an. Daneben befaßte er sich mit der Freizeit- und Tourismusseelsorge und publizierte auch dazu.


Im Jahr 1977 wurde die zeitgeschichtliche Forschung zu einem neuen Arbeitsschwerpunkt: Roman Bleistein begann umfassende Dokumentationen über die Jesuiten im Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu veröffentlichen: Alfred Delp (1907-1945), Rupert Mayer (1876-1945) und Augustin Rösch (1893-1961). Von 1982 bis 1984 erschienen die Schriften Alfred Delps in vier Bänden, denen 1988 ein fünfter Band mit Briefen, Texten und Rezensionen folgte. Biographien zu Rupert Mayer und Augustin Rösch kamen dazu.


Allein in den "Stimmen der Zeit" hat Roman Bleistein fast 200 Aufsätze veröffentlicht, abgesehen von den vielen Buchbesprechungen. Ein Blick ins Autorenverzeichnis auf unserer Website lohnt: ‹www.stimmen-der-zeit.de›. Es vermittelt eine Ahnung von dem Panorama der Themen und Anliegen. Hinzu kommen Publikationen in anderen Zeitschriften und Sammelwerken sowie ungezählt viele Vorträge.


Obwohl mit Vollendung seines 70. Lebensjahres aus der Redaktion ausgeschieden, publizierte Roman Bleistein auch weiterhin in den "Stimmen der Zeit". Sein Sekundentod führte zu einem Einbruch bei bestimmten Themenfeldern. Wer 33 Jahre lang eine Redaktion mit prägt, wurde und wird vermißt - bei Leserinnen und Lesern ebenso wie bei Kollegen.


"Dem Leben trauen, weil Gott es mit uns lebt"


Roman Bleistein war ein Faß von Wissen, er war neugierig, interessiert, aufgeschlossen, streitbar. Sein Fleiß, seine Akribie und seine Ausdauer waren bewundernswert. Hohe Ansprüche stellte er nicht nur an sich selber, sondern auch an andere. Dabei machte er es sich selber, jedoch auch anderen nicht immer leicht. Ein Professor doziert - Roman Bleistein dozierte und belehrte, manchmal traf er dabei nicht den Ton. Manche fürchteten seinen Spott, verstanden seine Ironie nicht oder konnten mit seinem Humor nichts anfangen. Den Menschen Roman Bleistein zu sehen, auch den verwundbaren Jesuiten, gelang nicht jedermann. Sein Bekanntenkreis war immens, und er pflegte ihn.


Als ich im Juni 2000 nach meiner Promotion an der Universität Innsbruck ins Alfred-Delp-Haus nach München destiniert wurde, wo seinerzeit die Redaktionen von "Stimmen der Zeit" und "Geist und Leben" ihr Domizil hatten, freute ich mich auf kommende Gespräche. Als Rahnerforscher erwartete ich mir die eine oder andere Auskunft über den Kontext und die Entstehungsgeschichte mancher Texte des großen Jesuitentheologen, dem Roman Bleistein bei vielen Veröffentlichungen zur Hand gegangen war. Eigentlich sollte er auch einen Band der auf 32 Bände angelegten Edition "Sämtliche Werke" Karl Rahners bearbeiten. Daraus wurde leider nichts.


In einem Kondolenzbrief würdigte der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann, den Jesuiten Roman Bleistein als einen "kompetenten, offenen und engagierten Theologen und Seelsorger, der sich auf einzigartige Weise für eine glaubwürdige Jugendpastoral und deren Verankerung im Leben unserer Kirche eingesetzt hat."


Erspart blieb Roman Bleistein die Aufhebung des Alfred-Delp-Hauses im Herbst 2003 und die Übersiedlung der Redaktion auf das Areal von Berchmanskolleg und Hochschule für Philosophie in der Kaulbachstraße unmittelbar hinter der Ludwigskirche. Gegen diese aus finanziellen und anderen Gründen getroffene Entscheidung der Ordensoberen hätte er schon von seinem Naturell her heftig protestiert. Ironie der Geschichte: 1966 war die Redaktion von der Veterinärstraße unmittelbar neben der Kaulbachstraße nach Nymphenburg umgezogen. Das neue Schriftstellerhaus der deutschen Jesuiten in München war ein viel beachteter architektonischer Avantgardebau. Er wurde nach Alfred Delp benannt, der von 1939 bis zur Aufhebung der Zeitschrift durch die Nationalsozialisten 1941 der Redaktion der "Stimmen der Zeit" angehört hatte. Daß Roman Bleistein später dessen Werke neu herausgeben würde, konnte damals noch niemand wissen. Das Motto des Deutschen Katholikentages im Jahr 1984 in München stammte von Alfred Delp, den die Nazis wenige Monate vor Kriegsende wegen seiner Mitgliedschaft im "Kreisauer Kreis" hingerichtet hatten: "Dem Leben trauen, weil Gott es mit uns lebt."


Aus diesem Vertrauen heraus lebte auch der Jesuit Roman Bleistein. Die "Stimmen der Zeit" bewahren und ehren sein Andenken.


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