Andreas R. Batlogg SJ

Dom Erwin Kräutler - ein Leutebischof zwischen Amazonas und Rhein



Im schwedischen Reichstag wird am 6. Dezember 2010 der "Alternative Nobelpreis" der "Right Livelihood Award Foundation" verliehen - eine Auszeichnung "für die Gestaltung einer besseren Welt". Einer der vier Preisträger ist der austrobrasilianische Bischof Erwin Kräutler CPPS.


Ein Bischof unter Polizeischutz


Ein Bischof, der von Militärpolizisten verhaftet und verprügelt wird, der seit Jahren Morddrohungen erhält und 1987 einen Mordanschlag überlebt hat, der selbst seinen Morgenspaziergang nur unter Polizeischutz antreten kann - das wäre hierzulande undenkbar. Für den heute 71jährigen Erwin Kräutler ist dies Realität, an die er sich gewöhnt hat.


Bittere Realität, denn eine Reihe von Mitstreitern hat er verloren, und das hinterläßt Spuren: 1987 überlebte Kräutler einen inszenierten Autounfall, bei dem ein Mitfahrer starb. 1995 wurde sein Mitbruder Hubert Mattle CPPS am Bischofssitz Altamira ermordet. Auch die 2005 ermordete Ordensfrau und Umweltaktivistin Dorothy Mae Stang war eine Weggefährtin.


Dom Erwin läßt sich nicht einschüchtern. Unbeirrt tritt er ein für die Rechte von Kleinbauern, tritt gegen die rücksichtslose Abholzung des Regenwaldes auf, leistet lautstarken Protest gegen den ebenso zerstörerischen wie monströsen Staudammbau Belo Monte am Rio Xingu und setzt sich für die Aufdeckung von Mißbrauchsfällen und gegen Kinderprostitution in Altamira ein. Klar, daß das vielen nicht paßt: Großgrundbesitzern, Militärs, Politikern.


Dem Staatspräsidenten Luiz Inácio Lula da Silva, der vor seiner Wahl im Jahr 2000 noch auf negative Auswirkungen des Staudamms Belo Monte hingewiesen hatte, als Präsident aber auf der Ausführung des Projekts bestand, hat Erwin Kräutler seine Meinung gesagt; er wird dies auch bei dessen Nachfolgerin Dilma Rousseff tun, einer ehemaligen Guerillera, die im Januar 2011 ihr Amt antritt und den Bau des Staudamms unterstützen will.


Ein Bischof als "Umweltaktivist" - auch manche seiner über 400 Bischofskollegen in Brasilien rümpfen deswegen gelegentlich die Nase. Der Papst weiß um die Drohungen und Repressalien, denen der Bischof ausgesetzt ist.


Missionar aus Vorarlberg


Erwin Kräutler ist Alemanne. Das hört man sofort am Zungenschlag, den keiner los wird, auch wenn er sehr lang im Ausland lebt. Ganz abgesehen davon, daß er keine "bischöflichen Attitüden" entwickelt hat und einfach "der Erwin" oder "Dom Erwin" ist - da ist er ganz und gar unkompliziert, wenn man mit ihm Kontakt aufnimmt, erst recht, wenn man selber Vorarlberger ist. E-mails werden umgehend beantwortet.


Geboren wurde Erwin Kräutler am 12. Juli 1939 in Koblach, einer kleinen Gemeinde zwischen Feldkirch und Dornbirn im Vorarlberger Rheintal, direkt an der Grenze zur Schweiz. Sein Elternhaus dient ihm nach wie vor als Refugium. Jahrelang hat er mit Klaus Küng die Schulbank in Feldkirch gedrückt - Küng wurde Mitglied des Opus Dei, studierte Medizin und Theologie, war Regionalvikar des Opus Dei in Wien und wurde 1989 zum zweiten Bischof der erst 1968 gegründeten Diözese Feldkirch ernannt. Erwin Kräutlers Wahl fiel auf eine internationale Kongregation, die er über seinen Onkel Erich Kräutler CPPS (1906-1985) kennenlernte: die Missionare vom Kostbaren Blut ("Congregatio Missionariorum Pretiosissimi Sanguinis Domini Nostri Jesu Christi", abgekürzt: CPPS).


Nach philosophisch-theologischen Studien in Salzburg kam Erwin Kräutler im Jahr 1965 als Neupriester ins Amazonasgebiet nach Brasilien. Er wurde Missionar. Wie schon sein Onkel (Dom Eurico), der bereits seit 1934 am Xingu wirkte und 1971 zum Bischof der Prälatur Xingu - flächenmäßig weltweit das größte Diözesangebiet, etwa vier Mal so groß wie Österreich - ernannt wurde. Nach fünfzehn Priesterjahren wurde Dom Erwin im November 1980 zum Koadjutor seines Onkels ernannt. Die Weihe zum Bischof fand am 25. Januar 1981 statt, am selben Tag wurde in Innsbruck Reinhold Stecher zum Bischof geweiht.


Ein Leutebischof


Dom Erwin hat die auf den beiden Generalkonferenzen der lateinamerikanischen Bischofskonferenz (CELAM) in Medellín (1968) und Puebla (1979) erklärte "Option für die Armen" konsequent zu verwirklichen versucht. Diese kirchlichen Höhepunkte in der Geschichte der lateinamerikanischen Kirche prägen, ebenso wie das Zweite Vatikanische Konzil, sein bischöfliches Wirken, das sich, wie der Untertitel seines letzten Buches besagt, als ein Amt "zwischen Leben und Tod" entwickelte.


Erwin Kräutler hat sich nie gescheut, auf die "Segnungen" der Zivilisation hinzuweisen, im Sinn des Neologismus "Zuvielisation": Mancher Fortschritt war ein Fortschritt für die herrschende Klasse, für Oligarchien und Militärs (Brasilien wurde von 1964 bis 1985 von einer Militärdiktatur regiert). Für andere bedeutete "Fortschritt" Ausbeutung und Unterdrückung. Auf seinen Pastoralreisen, die er oft nur mit dem Kleinflugzeug, auf Booten oder zu Fuß durch den Urwald durchführen kann, hat Dom Erwin erlebt, wie der Lebensraum der Ureinwohner zunehmend eingeschränkt wurde: durch Abholzungen und Rodungen ebenso wie durch Prestigeobjekte wie den 1972 begonnenen Bau der Transamazônica, die den Atlantik mit dem Pazifik verbinden soll, aber nach bald vierzig Jahren immer noch nicht abgeschlossen ist, oder einen Staudamm.


Dom Erwin - über den die Kayapós sagen: "Der Bischof ist kein Weißer, er ist unser Verwandter" - wurde deswegen ein unermüdlicher Kämpfer für die Rechte der Indios. Für sie setzt er seine "Prominenz" ein und riskiert dabei ständig sein Leben. Von 1983 bis 1991 engagierte er sich als Präsident des Indianermissionsrates der Brasilianischen Bischofskonferenz (CIMI) für ihre Anliegen. 2006 wurde er erneut Präsident des CIMI, nachdem der amtierende Präsident tödlich verunglückt war.


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Dom Erwin erhielt mehrere Ehrendoktorate und eine Vielzahl von internationalen Menschenrechts- und Umweltpreisen, darunter den Erzbischof-Oscar-Romero-Preis der Katholischen Männerbewegung Österreichs (1988), den Großen Binding-Preis für Natur- und Umweltschutz der Binding Stiftung im Fürstentum Liechtenstein (1989), den Bruno Kreisky Preis für Verdienste um die Menschenrechte der Bruno Kreisky Stiftung (1991), den Karl-Renner-Preis der Dr.-Karl-Renner-Stiftung der Stadt Wien "Informationsstelle gegen Gewalt" (1992), den Konrad-Lorenz-Preis für den Einsatz für das Unwiederbringliche in der Natur und in der Umwelt (2002), den von der GLOBArt-Academy vergebenen GLOBArt-Award (2004), den José Carlos Castro-Preis (2006) für die Verteidigung der Menschenrechte und das Leben in Amazonien der Brasilianischen Rechtsanwaltskammer - Sektion Pará, Brasilien (2006), die Chico Mendes Medaille der Organisation "Nie wieder Folter" (2007), um nur einige Auszeichnungen hervorzuheben.


Seine internationale Bekanntheit schützt ihn. Trotzdem ist es nicht ausgeschlossen, daß einmal ein Attentatsversuch gelingt.


Auf der Seite der Armen


Im Jahr 1997 nahm Dom Erwin zusammen mit vierzehn anderen von der Bischofskonferenz gewählten und vom Papst bestätigten Delegierten des brasilianischen Episkopats im Vatikan an der Sonder-Synode für Amerika teil. Dort erhob er seine Stimme gegen die skrupellose Plünderung und Ausbeutung Amazoniens. Dafür erntete er den Beifall des Papstes und des Plenums. Er hatte dabei freilich auch Kirchenkritik betrieben und eine "kritische Überprüfung unserer kirchlichen Strukturen, … Ausdrucksformen und Ämter gefordert, denen die Dynamik fehlt und die nicht immer dem Auftrag der Kirche entsprechen …"1.


In einem Interview mit dem österreichischen Rundfunk sagte Dom Erwin einmal: "Wenn ich mich auf die Seite der indigenen Völker stelle, der Schwarzen, der ausgebeuteten Frauen, dann bin ich immer gegen die Interessen von anderen, die diese Leute ausbeuten wollen."


Und er fuhr fort, die Befreiungstheologie werde es so lange geben, solange es Arme gebe: "Arme gibt es bis zum Jüngsten Tag. Was heißt Befreiungstheologie im Grunde genommen? Gott ist ein befreiender Gott. Der Name Jesu sagt schon: 'Gott befreit'. Gott heilt, Gott ist nicht ein Gott in weiter Ferne, er ist gleichzeitig Gott mit uns, ein Gott, der herabsteigt, der den Schrei seines Volkes hört und der es befreit aus der Sklaverei. Das ist die Grundbotschaft der Befreiungstheologie. Und da glaube ich, da kann sich nicht viel ändern. Wir können ja die Bibel nicht zuschlagen."


Im Namen der Brasilianischen Bischofskonferenz gelang es Dom Erwin, daß die Rechte der indigenen Völker Brasiliens in die Verfassung aufgenommen wurden. Sie sind damit auch einklagbar geworden.


Dom Erwin wird nicht müde zu betonen, daß Probleme im fernen Brasilien durchaus auf anderen Kontinenten spürbar werden können, zumal der immer kleiner werdende Amazonas-Regenwald Auswirkungen auf das globale Öko-System hat. Die neue Staatspräsidentin wird nicht an Dom Erwin vorbeikommen: "Die Regierung hat sich entschieden, daß die Zukunft - ganz im Sinne des neoliberalen Systems - in den riesigen Plantagen, in der industriellen Landwirtschaft liegt. Mit Zuckerrohr für Agrosprit und Viehfutter erhofft man sich das große Geschäft. Deshalb ist mit der versprochenen Landreform nichts weitergegangen, deshalb werden die kleinen Bauern noch mehr an den Rand gedrängt. Ähnlich wie die Indianer scheinen sie für die Regierung nur Hemmschuh des Fortschritts zu sein. Dadurch aber werden Millionen von Bauernfamilien gezwungen, ohne Zukunft in die Slums der Städte abzuwandern."


Ein alternativer Preis


Neben Erwin Kräutler werden in Stockholm der nigerianische Umweltschützer Nnimmo Bassey für das Aufzeigen der menschlichen Kosten der Ölförderung, die nepalesische Organisation "Sappros" und ihr Gründer Shrikrishna Upadhyay für das Mobilisieren von Dorfgemeinschaften gegen die eigene Armut und die israelische Organisation "Physicians for Human Rights" für ihren Einsatz für das Recht auf Gesundheit für alle Menschen in Israel und Palästina ausgezeichnet.


Der "Right Livelihood Award" ("Preis für richtiges Leben" bzw. "richtige Lebensführung") wurde 1980 vom Philatelisten, Journalisten und zeitweiligen Mitglied des Europäischen Parlaments (Die Grünen/EFA) Jakob von Uexküll gestiftet. Zuvor hatte der Vorstand der Nobelstiftung seinen Vorschlag abgelehnt, einen Nobelpreis für Ökologie und Entwicklung zu vergeben, für den Uexküll die finanziellen Mittel bereitstellen wollte.


Der "Alternative Nobelpreis" kommt für Dom Erwin, wie er in einem Telefoninterview mit der Vorarlberger Kirchenzeitung festhielt, "zur rechten Zeit: Denn jene Leute, die ihn mir wegen meines Einsatzes für die indigenen Völker und deren Mitwelt verliehen haben, wissen von unserem anhaltenden Widerstand gegen das Staudamm- und Kraftwerksprojekt von Belo Monte. Deshalb ist diese Auszeichnung durch eine Institution, die auf der ganzen Welt respektiert wird, eine starke Rückendeckung in unserem Kampf." Und er bringt es auf den Punkt: "Da geht es auch darum, ob Brasilien ein Rechtsstaat ist oder eine Bananenrepublik."


Kaum wurde die Preisverleihung bekannt gegeben, gab es Stimmen, die meinten, Bischof Erwin Kräutler solle auch den Friedensnobelpreis erhalten. 2010 war dies nicht der Fall. Vielleicht später einmal?


Zuhause in Vorarlberg, daheim am Amazonas


Wann immer Dom Erwin in seiner Heimat ist, wo er 2006 vom Land Vorarlberg mit dem Goldenen Ehrenzeichen ausgezeichnet wurde und sich mittlerweile Ehrenbürger von Koblach nennen darf, scharen sich Menschen um ihn. Die Bischöfe Bruno Wechner, Klaus Küng und nunmehr Elmar Fischer mußten erleben, daß Dom Erwin bei Firmungen oder Vorträgen als "Publikumsmagnet" wirkt und ihm die Herzen zufliegen (wovon die beiden Letztgenannten nur träumen konnten).


Erst unlängst, Ende Oktober 2010, hat Dom Erwin bei einem Heimataufenthalt an einem Fest anläßlich des 20jährigen Bestehens des "Weltladens Egg" im Bregenzerwald teilgenommen, der in ein neues Gebäude übersiedelt war. "Die Schmelga machen es super", lobte Dom Erwin in unverkennbarem Dialekt den großen persönlichen Einsatz des (weiblichen) Weltladen-Teams, das Fair-Trade-Produkte vertreibt: "Der Weltladen ist ein Zeichen dafür, daß wir nicht einverstanden sind mit der ungerechten Verteilung auf der Welt."


Im Dezember 2009 wurde in den "Stimmen der Zeit" das jüngste Buch von Dom Erwin vorgestellt: "Erwin Kräutler - Bischof zwischen Leben und Tod". Aus aktuellem Anlaß machen wir diesen "Umschau"-Beitrag in der Rubrik "Besondere Beiträge" online zugänglich.


Muito obrigado, Dom Erwin: Boa sorte!


1 E. Kräutler, Christus zeigt auf Amazonien hin. Wie ein peripherer Bischof am Xingu die Synode für Amerika erlebte: Rundbrief 1998, 8 f.; vgl. dazu F. Weber, Senfkörner und Sauerteig. Widerspruch gegen die Verleugnung der Basisgemeinden (1. Teil), in: Orientierung 62 (1998) 74-77.


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