Nikolaus Klein SJ

Ächtung des Krieges

Zur Schlußbotschaft der "Internationalen Ökumenischen Friedenskonvokation" von Jamaika

Am 25. Mai 2011 ging in Kingston (Jamaika) die "Internationale Ökumenische Friedenskonvokation" (IÖK) zu Ende1. Während einer knappen Woche hatten dort über 1000 Delegierte aus den Mitgliederkirchen des "Ökumenischen Weltkirchenrates" (ÖRK), von denen 40 Prozent direkt von den einzelnen Kirchen entsandt worden sind, unter dem Motto "Ehre sei Gott und Friede auf Erden" getagt.


Zur Beratung lagen ihnen ein vom Hauptausschuß des ÖRK im Frühjahr 2011 verabschiedeter "Ökumenischer Aufruf zum gerechten Frieden" und eine umfangreiche Dokumentation mit dem Titel "Just Peace Companion" vor2. Während der Konferenz wurde eine Schlußbotschaft unter diesem Titel debattiert und verabschiedet. Alle drei Dokumente sind an die einzelnen Kirchen bzw. Kirchengemeinschaften innerhalb des ÖRK gerichtet.


Vorgaben für Busan (Südkorea) 2013 - eine Theologie des Friedens


Gleichzeitig waren die Dokumente als ein entscheidender Schritt in der Vorbereitung für die 2013 in Busan (Südkorea) geplante 10. Vollversammlung des ÖRK gedacht. In Busan soll geprüft werden, wie die Beschlüsse der IÖK bis dahin in den Kirchen rezipiert worden sind, um dann zu klären, ob noch auf der Vollversammlung von den Delegierten der Mitgliedskirchen ein Konsens in der Friedensfrage gefunden werden kann. Sollte dies gelingen, dann soll in Busan eine verbindliche und eindeutige Entscheidung für eine Theologie des Friedens des ÖRK beraten und beschlossen werden.


Die Versammlung in Kingston bedeutete den formellen Abschluß der 2001 vom ÖRK ausgerufenen "Dekade zur Überwindung von Gewalt". Ziel dieses auf zehn Jahre angelegten Prozesses - 1998 bei der 8. Vollversammlung des ÖRK in Harare (Simbabwe) auf Anregung der Mennonitischen Kirche beschlossen - war es, lokale, regionale und nationale Initiativen zur Überwindung von Gewalt anzuregen, zu unterstützen und die dabei entstandenen Initiativen miteinander zu vernetzen. Als 2006 auf der 9. Vollversammlung des ÖRK in Porto Alegre (Brasilien) zur Halbzeit der Dekade eine erste Bilanz gezogen wurde, entschied man sich, durch die Einberufung einer Konvokation dem Engagement für die Dekade in den noch verbleibenden fünf Jahren einen neuen und vertiefenden Impuls zu geben. Dank des Einsatzes einer eigens errichteten Konsultationsgruppe ist dieses Ziel in Teilen auch erreicht worden.


"Living Letters": "Overcoming violence"


In den letzten fünf Jahren kam es zu einem intensiven Austausch zwischen den einzelnen Kirchen, die von politischen und gesellschaftlichen Konflikten betroffen waren bzw. unter ökologischen Zerstörungen und Naturkatastrophen zu leiden hatten. Bei diesen Treffen entstanden "Living Letters". Gemeint sind damit Berichte, die aus den Konsultationen zwischen den jeweiligen Partnerkirchen (d. h. den besuchenden kirchlichen Delegationen und den Gastgeberkirchen) entstanden sind. Dabei ging es darum, die Konflikte zu verstehen und Vorschläge zu deren Lösung zu erarbeiten. Es sollten einerseits Modelle für eine nicht-gewaltförmige Lösung von Konflikten entwickelt und gleichzeitig präventive Maßnahmen zur Verminderung von Gewaltursachen gefunden werden. Der Schlußbericht "Overcoming Violence. The Ecumenical Decade 2001-2010", in welchem die "Living Letters" zusammengefaßt sind und erste Schlußfolgerungen für eine "Lehre vom gerechten Frieden" gezogen werden, wird neben den drei erwähnten Dokumenten des IÖK die Grundlagen für die Vollversammlung in Busan bilden.


Diese Wechselwirkung zwischen der Dekade und der IÖK erwies sich als äußerst fruchtbar. Die 2007 für die IÖK gebildete Expertengruppe wurde durch die Berichte im Rahmen der Dekade mit konkreten Konfliktsituationen und Lösungsvorschlägen konfrontiert. Gleichzeitig inspirierte die theologische Arbeit der Experten die Konsultationen vor Ort.


Dank dieses Prozesses entstand 2009 mit der "Erklärung zum gerechten Frieden" ein erster Entwurf eines Grundlagentextes für die IÖK. Zwar enthält der Text keine formelle Ablehnung der "Lehre vom gerechten Krieg". Indem dessen Verfasser aber feststellen, daß Frieden mehr sei als die Abwesenheit von Krieg und Gewalt, sprengt er den bisherigen Rahmen einer Friedensethik. Auch in der zweiten und endgültigen Fassung des "Ökumenischen Aufrufs zum gerechten Frieden" wird weiterhin diese nicht konsequente Position festgehalten, wenn über die "Lehre vom gerechten Krieg" formuliert wird: "Auf dem Weg des gerechten Friedens wird die Begründung von bewaffneten Konflikten und Kriegen zunehmend unglaubwürdig und inakzeptabel" (Nr. 11).


Vom "gerechten" zum "illegalen" Krieg


Die Schlußbotschaft von Kingston geht einen kleinen Schritt weiter, wenn sie ausdrücklich zum Ausdruck bringt, daß man auf der Suche nach einer einheitlichen Stellungnahme ist: "Wir sind geeint in unserem Bestreben, daß Krieg illegal werden sollte. In unserm Ringen um Frieden auf Erden sind wir mit unseren unterschiedlichen Kontexten und geschichtlichen Prägungen konfrontiert."


Diese Feststellung wird im letzten Teil der Botschaft noch einmal bekräftigt: "Die Geschichte führt uns, insbesondere im Zeugnis der historischen Friedenskirchen, vor Augen, daß Gewalt gegen den Willen Gottes ist und keine Konflikte lösen kann. Aus diesem Grunde gehen wir über die Lehre vom gerechten Krieg hinaus und bekennen uns zum gerechten Frieden." - Mit dieser Rückbindung an das Zeugnis der historischen Friedenskirchen erinnern die Verfasser der Schlußbotschaft an den weiter bestehenden Dissens, und sie halten gleichzeitig an einem gegenseitigen Lernprozeß fest.


Das zweite kontroverse Thema in Kingston, für das in der Schlußbotschaft gleichfalls eine Formulierung vorgelegt wurde, in welcher der zutage getretene Dissens festgehalten ist, war die Frage nach der Legitimation bewaffneter humanitärer Intervention. Von den differenzierten Überlegungen, wie sie im Text des "Ökumenischen Aufrufs für einen gerechten Frieden" noch zu finden sind (Nr. 22 und 23), bleibt in der Schlußbotschaft noch die Feststellung: "Wir ringen weiter um die Frage, wie unschuldige Menschen vor Ungerechtigkeit, Krieg und Gewalt geschützt werden können. In diesem Zusammenhang stellen wir uns tiefgreifende Fragen zum Konzept der "Schutzverantwortung" und zu dessen möglichem Mißbrauch. Wir rufen den ÖRK und seine Partnerorganisationen dringend auf, ihre Haltung in dieser Frage weiter zu klären."


Auf dem Weg zu einer ökumenischen Theologie des Friedens


Kingston bedeutet einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zu einer ökumenischen Theologie des Friedens, indem die Entscheidung für eine Theorie des gerechten Friedens gefällt und die Debatte für die Ächtung der Theorie des gerechten Krieges eröffnet wurde. Der Weg, der bis zur 10. Vollversammlung des ÖRK in Busan zu gehen ist, ist ein mehrdimensionaler: eine Agenda von Friedensinitiativen zu entwickeln, die den jetzt eingeschlagenen Weg ökumenisch konsensfähig machen kann.


1 Vgl. B. Grom, Das Friedenspotential der Kirchen, in dieser Zs. 229 (2011) 289-290.
2 Die Schlußbotschaft der IÖK, der Text "Ein ökumenischer Aufruf zum gerechten Frieden" (Fassung von 2011), die Hautreferate von Margot Käßmann, Paul Oestreicher und Metropolit Hilarion von Volokolamsk finden sich in: epd Dokumentation 23/2011.


  • vorige Seite
  • nächste Seite
Probeabo bestellen Newsletter bestellen

Unsere Beiträge über das wichtigste Ereignis der katholischen Kirche im 20. Jahrhundert. Mehr...