Katharina A. Fuchs / Hans Zollner SJ

Kindesmissbrauch und die Folgen

Bericht über die Anglophone Conference 2015

„Child Protection - A spiritual and theological approach“ (Kinderschutz: Ein spiritueller und theologischer Ansatz) lautete das Thema der diesjährigen Anglophone Conference, die vom 21. Juni bis 24. Juni 2015 an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom stattgefunden hat. Die diesjährige Konferenz wurde von der US-Amerikanischen Bischofskonferenz (USCCB) in Kooperation mit dem Centre for Child Protection (CCP) organisiert und war mit rund 70 Teilnehmern (darunter zehn Bischöfe) aus über 15 Nationen die größte seit ihrem Bestehen.


Zum ersten Mal, seitdem sich eine größere Öffentlichkeit mit sexuellem Missbrauch von Minderjährigen in der Kirche beschäftigt - das heißt seit etwa vierzig Jahren -, war eine Tagung der systematisch-theologischen Reflexion der Auswirkungen der Skandale, der Notwendigkeit von Prävention sowie der spirituellen und religiösen Motivation für Reinigung und Reform in der Kirche gewidmet. Die Vorträge und Diskussionen gingen von unterschiedlichen Bereichen der Theologie sowie benachbarten Disziplinen aus und suchten diese in den Zusammenhang mit dem Schutz von Minderjährigen vor sexuellem Missbrauch zu stellen: Was bedeutet es für Biblische Exegese, Soteriologie, Ekklesiologie, Sakramentologie und Gotteslehre, wenn sexueller Missbrauch durch Kleriker verübt wird und Menschen verschiedenen Alters - Opfer von Missbrauch sowie mitverwundete Familien, Pfarreien, kirchliche Gemeinschaften und Diözesen - psychisch, körperlich und religiös zutiefst verletzt sind?


Auch die kirchenrechtliche Perspektive war vertreten, insofern Robert Geisinger SJ, „Promotor Iustitiae“ bei der Glaubenskongregation, Papst Franziskus' Äußerungen zu Recht und Barmherzigkeit auf ihre Bedeutung für den kirchlichen Umgang mit Missbrauchstätern befragte. Geisinger, der einen chronologischen Abriss der jüngsten Entscheidungen Papst Franziskus' in Bezug auf den Schutz von Kindern und Jugendlichen gab, stellte auch das jüngst von Papst Franziskus angekündigte Gericht vor, das bei der Kongregation für die Glaubenslehre angesiedelt werden soll. Aufgabe dieses Tribunals wird es sein, sich jener Fälle anzunehmen, in denen Bischöfe ihr Amt nicht entsprechend den kirchlichen Normen ausüben und so sexuellen Missbrauch von Kindern vertuschen, nicht anzeigen oder nicht verfolgen.


Sr. Sara Butler MSBT, emeritierte Dogmatikerin am Mundelein Seminary in Chicago und jüngst zur Präsidentin der Catholic Academy of the USA gewählt, leitete ihren Vortrag mit Blick auf die veränderte kirchliche Situation in den USA ein, u. a. auf die gestiegene Anzahl der Kirchenaustritte seit dem Bekanntwerden von Missbrauchsfällen durch Priester. Weiter ging sie auf die Frage ein, ob und inwiefern Priester, die schwere Schuld auf sich laden, ihren Dienst ausüben können; sie verwies dabei auf zwei doktrinäre Fehlentwicklungen, die sich in der Kirchengeschichte wiederholt haben: Klerikalismus und Kongregationalismus.


Ersterer stellt die Würde und Bedeutung des Priesteramtes in den Mittelpunkt, unabhängig von der persönlichen Lebensführung des Priesters. Der Kongregationalismus hingegen vertritt die Auffassung, dass der Priester ein Diener der Gemeinde im Sinne Christi sei, und zur Spendung der Sakramente zwar ein Priester notwendig sei, dass dies im Grunde aber nur eine äußerliche Rolle darstelle, bei sonstiger Gleichheit aller Gemeindemitglieder. Butler verwies auf die lehramtlichen Positionen, dass nämlich Christus selbst in den Sakramenten handelt, und dass das amtliche Priestertum, das durch Christi Handeln getragen ist, im Dienst des allgemeinen Priestertums steht. Sie unterstrich ferner, dass offensichtlich durch die Missbrauchskrise den Laien in der Kirche eine neue und bedeutende Rolle zuwächst, indem sie als Hüter und Garanten von authentischem, dem Evangelium gemäßen Handeln der geweihten Mitglieder der Kirche dienen sollen.


Sr. Mary Timothy Prokes OSF stellte die Theologie des Leibes nach Papst Johannes Paul II. in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Der Körper ist ein Geschenk Gottes, das es unbedingt und in allen Lebensphasen zu schützen gilt. Die schrecklichen Auswirkungen sexuellen Missbrauchs sowie der Mut zur Wahrheit und zum Brechen des Schweigens nach erlebtem Missbrauch betreffen stets den ganzen Menschen - Körper, Geist und Seele. Denn der Mensch ist mehr als seine körperliche Hülle, weshalb Prokes für eine verstärkte menschliche Bildung (human formation) für Priesterkandidaten und Ordensleute im Sinn von Pastores dabo vobis (25. 3. 1992) plädiert.


Professor Robert Barron, Rektor des Mundelein Seminary in Chicago, verwies auf einen Mangel proaktiven Handelns: Missbrauch und seine Begleiterscheinungen würden in der Kirche als böse erkannt, doch würde oft keine angemessene und konsequente Reaktion folgen. Insbesondere für die Verantwortlichen innerhalb der Kirche sei es zunächst und vor allem wichtig, Betroffenen zuzuhören; daneben sei es aber auch von großer Bedeutung, das Gehörte richtig einordnen und empathisch wiedergeben zu können. Ausgehend von zentralen Texten der Heiligen Schrift unterstrich Barron einerseits, dass Menschen immer wieder Versuchungen, auch sexueller Natur, erliegen, dass andererseits das Heilsangebot Gottes bestehen bleibt, wo Umkehr, Reue, Buße und Wiedergutmachung zu finden sind. Er erinnerte auch an die unmissverständliche Klarheit Jesu im Blick auf den Schutz und die Vorzugsstellung von Kindern vor Gottes Angesicht: „Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde“ (Mk 9,42).


Der Abschlussvortrag wurde von dem irischen Jesuitenprofessor James Corkery gehalten, der die Brücke von der Theologie zur Spiritualität schlug und dabei am Beispiel der Erlösungslehre deutlich machte, dass Theologie und Spiritualität sich auch angesichts von Missbrauch gegenseitig bedingen. Insofern Theologie Kirche und Erlösungswirken intellektuell zu erläutern sucht, zieht sie Reflexions- und Vorstellungslinien, die das Gebetsleben und die Feier der Liturgie prägen. Spiritualität, die alltäglich gelebte Hinwendung zum Gott Jesu Christi, birgt in sich das Potenzial, ausgehend vom unsäglichen Leid und von der Einsamkeit von Missbrauchsopfern, die Theologie von Kreuz, Tod und Auferstehung Jesu Christi tiefer und näher an der Lebenswirklichkeit zu orientieren. Anhand diverser Aussagen von Joseph Ratzinger / Papst Benedikt XVI. erläuterte Corkery die Solidarität Jesu mit den Opfern sexuellen Missbrauchs und sein Mit-Leiden am Kreuz. So wie Jesus der alleinige „Stellvertreter“ der Menschheit (die Vielen) ist, so können „wenige“ Christen in der Nachfolge Jesu stellvertretend für viele Opfer nicht nur das „Gerettet von“, sondern auch das „Gerettet für“ symbolisieren. Dafür sei es unerlässlich, dass die Erfahrung von Gottes unbedingter Liebe auf menschlichen Wegen kommen muss, damit eine Wiedergutmachung und Heilung von Opfern sexuellen Missbrauchs überhaupt möglich werden kann.


Am Ende der Tagung blieb die Erkenntnis, dass es im Bereich von Systematischer Theologie noch sehr viel Reflexionsbedarf sowie interdisziplinärer und internationaler Forschungs-Zusammenarbeit bedarf. Wesentliche kirchliche und religiöse Fragen rund um den sexuellen Missbrauch Minderjähriger sind noch nicht einmal anfanghaft bedacht. Durch diese Konferenz wurde eine erste Saat gelegt, die in Zukunft hoffentlich viele Früchte tragen wird. Bischof Edward J. Burns, Vorsitzender des Komitees für Kinder- und Jugendschutz der US-Amerikanischen Bischofskonferenz, unterstrich abschließend, dass der Bereich der theologischen Auseinandersetzung mit den Auswirkungen des sexuellen Missbrauchs in der Kirche bisher unterentwickelt war, dass darin aber auch ein Schlüssel für das Gelingen des Reformprojektes von Papst Franziskus liegt.


Dazu in den „Stimmen der Zeit“:


Hans Zollner, UN, Kinderschutz und die Kirche, in: StdZ 232 (2014) 433-434;
Hans Zollner / Katharina A. Fuchs, Missbrauchs-Prävention. Ein Tagungsband und die erste Jahreskonferenz des „Zentrums für Kinderschutz“, in: StdZ 231 (2013) 140-142;
Hans Zollner, Mißbrauch - Hat die Kirche dazugelernt?, in: StdZ 228 (2010) 793-794.



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Dr. Katharina Anna Fuchs ist seit Oktober 2012 Assistenzprofessorin am Institut für Psychologie der Päsptlichen Universität Gregoriana und Mitarbeiterin im dort angesiedelten Centre for Child Protection.


Prof. Dr. Hans Zollner SJ (* 1966, seit 1990 Jesuit) ist Ordentlicher Professor am Institut für Psychologie der Gregoriana und Präsident des Centre for Child Protection. Seit März 2014 ist er Mitglied der Päpstlichen Kommission für den Schutz von Minderjährigen.


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